Bundesgerichtshof, Urteil vom 05.05.2015, Az. X ZR 60/13

10. Zivilsenat | REWIS RS 2015, 11650

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Gegenstand

Nichtigerklärung eines Europäischen Patents: Fehlende Neuheit des Patentgegenstands einer Stoffzusammensetzung - Verdickerpolymer I


Leitsatz

Verdickerpolymer I

Werden als Bestandteile einer Stoffzusammensetzung mehrere Stoffe oder Stoffgruppen alternativ beansprucht, fehlt es dem Gegenstand des Patents bereits dann an der erforderlichen Neuheit in der gesamten beanspruchten Bandbreite, wenn einer dieser Stoffe oder eine dieser Stoffgruppen als Bestandteil einer solchen Zusammensetzung bekannt war.

Tenor

Die Berufung gegen das am 20. November 2012 verkündete Urteil des 3. Senats ([X.]) des [X.] wird auf Kosten der Beklagten zurückgewiesen.

Von Rechts wegen

Tatbestand

1

Die Beklagte ist eingetragene Inhaberin des am 10. Mai 1995 angemeldeten, auch mit Wirkung für die [X.] erteilten [X.] Patents 682 094 ([X.]). Das Streitpatent nimmt eine Priorität vom 12. Mai 1994 in Anspruch. Von den insgesamt acht Patentansprüchen hat Patentanspruch 1 nach Durchführung eines Einspruchsverfahrens in der [X.] folgenden Wortlaut:

"1. A pourable water dispersible [X.] composition for aqueous systems having a viscosity less than 15,000 [X.] (centipoise) at 25°C consisting of:

a) from 15 to 40% by weight of an [X.] polymer selected from polyurethanes, [X.], [X.], [X.], [X.] olefins and polyether-polyols;

b) at least 30% by weight water;

c) [X.]% by weight of one or more surfactants selected from anionic and non-ionic surfactants and mixtures thereof; and

d) optionally one or more additional components selected from binders, clays, [X.], [X.], [X.], chelating agents and pH adjusting agents,

except a thickener preparation for thickening aqueous systems consisting of a mixture of

(i) a water-soluble or water-dispersible thickener containing urethane groups,

(ii) a non-ionic emulsifier, and

([X.]) at least one compound of the formula (I)

Abbildung

wherein in [X.] denote identical or different [X.] and R2 and R4 denote hydrogen or identical or different [X.], Q denotes alkylene oxide units, as are obtained from alkoxylating alcohols with alkylene oxides [X.], and n denotes numbers from 0 to 120,

wherein the thickener preparation is in the form of an aqueous solution or dispersion."

2

Die Klägerin hat geltend gemacht, der Gegenstand des [X.] sei nicht patentfähig; er sei nicht neu, beruhe jedenfalls aber nicht auf einer erfinderischen Tätigkeit. Zudem gehe der Gegenstand von Patentanspruch 1 über den Inhalt der ursprünglichen Anmeldungsunterlagen hinaus.

3

Das Patentgericht hat das Streitpatent mit Wirkung für die [X.] für nichtig erklärt. Hiergegen richtet sich die Berufung der Beklagten, mit der sie ihren Klageabweisungsantrag weiterverfolgt. Hilfsweise verteidigt sie das Streitpatent in der Fassung von drei beschränkten Anspruchssätzen. Die Klägerin tritt dem Rechtsmittel entgegen.

Entscheidungsgründe

4

I. Das Streitpatent betrifft [X.]zusammensetzungen zur Kontrolle der Viskosität und anderer rheologischer Eigenschaften (Fließeigenschaften) von wässrigen Systemen.

5

1. Nach der Beschreibung des Streitpatents sind solche [X.]zusammensetzungen für eine Anwendung insbesondere bei Latexfarben, Beschichtungen, Tinten, Baumaterialien, Kosmetika und Holzbeizen bekannt. Hierfür würden zunehmend synthetische Eindicker verwendet, zu denen unter anderem auch [X.] zählten. Solche rheologischen Additive würden oftmals auch als Eindicker oder Assoziativverdicker bezeichnet. Zu dem Mechanismus, durch den sie eindickten, gehörten hydrophobe Assoziationen zwischen den hydrophoben Komponenten in den [X.] und anderen hydrophoben Oberflächen. Handelsübliche Assoziativverdicker seien gewöhnlich [X.]e Flüssigkeiten, wobei die [X.]zusammensetzung üblicherweise durch Vermischen des assoziativen Polymers mit Wasser und einem organischen Lösungsmittel hergestellt würden. Diese organischen Lösungsmittel würden zugesetzt, um die Viskosität der Polymere in Wasser zu senken. Da die flüchtigen organischen Lösungsmittel oder deren flüchtige organischen Komponenten ein Risiko für Mensch und Umwelt darstellten, würden in vielen Ländern die Toleranzwerte für diese Gase sukzessiv gesenkt oder bestimmte Anwendungen dieser Lösungsmittel verboten.

6

2. Dem Streitpatent liegt vor diesem Hintergrund die Aufgabe zugrunde, eine flüssige, in Wasser dispergierbare [X.]zusammensetzung mit einer zur weiteren Verarbeitung passenden Viskosität bereitzustellen, ohne dabei Umweltprobleme zu verursachen.

7

Zur Lösung schlägt das Streitpatent in Patentanspruch 1 eine [X.]zusammensetzung mit folgenden Merkmalen vor:

1. Assoziative [X.]zusammensetzung für wässrige Systeme,

1.1 die [X.] und in Wasser dispergierbar ist und

1.2 die eine Viskosität von weniger als 15.000 [X.] bei 25°C aufweist,

bestehend aus

2. 15 bis 40 Gew.-% eines assoziativen [X.]polymers,

2.1 ausgewählt aus [X.], Polyestern, modifizierten Cellulosederivaten, Polyesterurethanen, [X.] und Polyetherpolyolen;

3. mindestens 30 Gew.-% Wasser;

4. 1 bis 30 Gew.-% eines oder mehrerer oberflächenaktiver Mittel,

4.1 ausgewählt aus anionischen und [X.] oberflächenaktiven Mitteln und deren Gemischen;

5. optional einem oder mehreren zusätzlichen Bestandteilen,

5.1 ausgewählt aus Bindemitteln, Tonen, Neutralisationschemikalien, Pufferungsmitteln, anorganischen Salzen, Chelatbildnern und pH-Wert-Einstellungsmitteln;

6. ausgenommen einer Verdickungsmittelzubereitung zum Verdicken wässriger Systeme, bestehend aus einem Gemisch

6.1 eines wasserlöslichen oder in Wasser dispergierbaren [X.], das Urethangruppen enthält,

6.2 eines [X.] Emulgators und

6.3 mindestens einer Verbindung gemäß der Formel (I)

Abbildung

wobei in dieser Formel

R1 und R3 identische oder unterschiedliche Kohlenwasserstoffe bezeichnen,

[X.] und [X.] Wasserstoff oder identische oder unterschiedliche Kohlenwasserstoffreste bezeichnen,

Q Alkenoxideinheiten bezeichnet, wie sie aus dem Alkoxylieren von Alkoholen mit Alkenoxiden erhalten werden, die 2 bis 4 Kohlenstoffatome aufweisen, und

n Zahlen von 0 bis 120 bezeichnet,

6.4 in Form einer wässrigen Lösung oder Dispersion.

8

3. Dies bedarf in zweierlei Hinsicht der näheren Erläuterung:

9

a) Die Wendung "bestehend aus" ("consisting of") deutet in Patentansprüchen, die chemische Zusammensetzungen oder Gemische zum Gegenstand haben, in der Regel auf eine abschließende Aufzählung der in Bezug genommenen Bestandteile hin (vgl. [X.], Urteil vom 12. Juli 2011 - [X.], [X.], 1109 Rn. 37 - Reifenabdichtmittel; [X.], Prüfungsrichtlinien Teil F, [X.] IV Nr. 4.21; [X.], Entscheidung vom 15. September 1993 - [X.] unter 2.).

Von der Frage der Bestandteile einer Stoffzusammensetzung zu trennen ist die Frage des [X.] der dazu eingesetzten Stoffe. Insbesondere wenn, wie für die hier interessierenden [X.]zusammensetzungen, handelsübliche [X.]ikalien benutzt werden, wird aus fachlicher Sicht nicht notgedrungen immer vollständige Reinheit der Bestandteile oder Zutaten vorausgesetzt, sondern gegebenenfalls nur ein dem jeweiligen Bedarf angepasster Reinheitsgrad. Da sich vorliegend aus Patentanspruch 1 oder der Beschreibung keine besonderen Anforderungen an die Reinheit der herzustellenden Zusammensetzung ergeben, schließt die Vorgabe "bestehend aus" ("consisting of") aus fachlicher Sicht nicht aus, dass die dafür zu verwendenden Polymere Mittel und gegebenenfalls fakultativen Zusätze in geringem Umfang auch Rückstände der für ihre Herstellung verwendeten Ausgangsstoffe und restliches Wasser enthalten können.

b) Der Begriff des oberflächenaktiven Mittels in Merkmal 4 ist eine Übersetzung des [X.] Worts "surfactant", das für die Worte "surface active agent" steht. Es ist zugleich ein Synonym für Tenside, die wiederum synonym auch als Emulgatoren bezeichnet werden.

II. Das Patentgericht ist zu dem Ergebnis gelangt, der Gegenstand des Streitpatents sei in der - nachveröffentlichten (Art. 54 Abs. 3 EPÜ) - [X.] Patentanmeldung 618 243 ([X.]) vorweggenommen und habe ausgehend von einer anderen Entgegenhaltung ([X.]) auch nicht auf einer erfinderischen Tätigkeit beruht. Die Gegenstände der Hilfsanträge beruhten ebenfalls nicht auf einer erfinderischen Tätigkeit.

1. Die [X.] betreffe eine Zubereitung auf [X.] zur Verdickung wässriger Systeme, die wegen ihrer Löslichkeit und Dispergierbarkeit in Wasser zwangsläufig auch [X.] sei und bei der es sich um eine assoziativ wirkende [X.]zusammensetzung mit besonders niedriger Eigenviskosität handele. Darüber hinaus zeige das Dokument weitere [X.]zusammensetzungen mit den Merkmalen 3 bis 4.1 sowie der ohnehin lediglich optionalen Merkmalsgruppe 5 und ohne die vom Streitpatent durch Disclaimer ausgenommenen Zusatzstoffe gemäß Merkmalsgruppe 6. Eine entsprechende Zusammensetzung werde in den [X.] 21 und 24 der [X.] mit jeweils 25 Gewichtsprozent eines aus [X.] ausgewählten assoziativen [X.]polymers und eines [X.] oberflächenaktiven Mittels sowie mit einem Restwasseranteil von 50 Gewichtsprozent offenbart. Die in den [X.] verwendeten Produkte [X.] BR 900 und [X.] BR 910 seien zweifelsfrei trockene, nicht-ionische, wasserlösliche Assoziativverdicker vom [X.]. Dem stehe nicht entgegen, dass in der Tabelle 13 für die [X.] 21 und 24 die Komponenten für zwei Spalten falsch bezeichnet seien. Der fachkundige Leser werde diesen Schreibfehler und die richtige Bedeutung zweifelsfrei erkennen.

2. Zudem beruhe der Gegenstand des Streitpatents nicht auf einer erfinderischen Tätigkeit.

In der vorveröffentlichten Produktbeschreibung für [X.] ([X.]) werde unter dieser Bezeichnung ein flüssiger, zweifelsfrei assoziativ wirkender, nicht-ionischer Polyurethanverdicker mit einer niedrigen Viskosität von 4000 cP beschrieben, der zu 35 % in Wasser gelöst und völlig frei von flüchtigen organischen Lösungsmitteln sei. Dieses Produkt unterscheide sich vom Gegenstand des Streitpatents lediglich durch das Fehlen eines anionischen oder [X.] oberflächenaktiven Mittels gemäß [X.].

Dem Fachmann, bei dem es sich um einen regelmäßig in einem Team arbeitenden [X.] der Fachrichtung organische [X.]ie mit besonderen Kenntnissen und Erfahrungen auf dem Gebiet der Polymerchemie, der Rheologie und Grenzflächenchemie von polymerbasierten, wässrigen Systemen sowie der assoziativen [X.] und oberflächenaktiven Mitteln handele, sei geläufig gewesen, dass durch den Zusatz von oberflächenaktiven Stoffen aufgrund ihrer Wechselwirkung mit den Assoziativverdickerpolymeren bei der Anwendung in Farben und [X.] deren rheologische Eigenschaften noch weiter günstig beeinflusst werden könnten. Er werde deshalb einen solchen Zusatz zu dem Produkt [X.] in Betracht ziehen, und dabei insbesondere oberflächenaktive Mittel vom anionischen und [X.] Typ experimentell untersuchen, denn aus dem Lehrbuch von [X.] - [X.]: Physicochemical and Engineering Aspects, 82 (1994) [X.] bis 277 - ([X.]) sei der vorteilhafte Einfluss von oberflächenaktiven Mitteln gemäß der [X.] auf wässrige Assoziativverdickerzusammensetzungen bekannt gewesen. Durch routinemäßiges Optimieren gelange er zwanglos zu Anteilen von 1 bis 30 Gewichtsprozenten und somit ohne erfinderisches Zutun zum Gegenstand des Streitpatents.

Ebenso habe ein Entwicklungsansatz ausgehend von dem Aufsatz von [X.] - [X.] in [X.], Vol. 22, [X.], Okt. 1985 S. 6 bis 13 - ([X.]) zusammen mit dem allgemeinen Fachwissen sowie mit den in der [X.] [X.]-49022 ([X.]) ohne erfinderische Tätigkeit zu dem Gegenstand des Streitpatents geführt.

Schließlich beruhe der Gegenstand des Streitpatents auch in der Fassung eines der Hilfsanträge nicht auf erfinderischer Tätigkeit.

III. Dies hält der Nachprüfung im Berufungsverfahren stand.

1. Das Patentgericht hat zu Recht angenommen, dass [X.], die als [X.] Patentanmeldung aufgrund ihrer vor dem [X.] erfolgten Anmeldung zum Stand der Technik gehört (Art. 54 Abs. 3 EPÜ), den Gegenstand von Patentanspruch 1 vorwegnimmt.

a) [X.] betrifft eine Verdickungsmittelzubereitung aus einem Urethangruppen aufweisenden, in Wasser dispergierbaren Verdickungsmittel, einem - als Komponente b bezeichneten - nicht-inonischen Emulgator und einer als "[X.]" benannten Komponente, deren Definition dem Disclaimermerkmal 6.3 in Patentanspruch 1 entspricht. Mit der Erfindung gemäß [X.] sollte das Problem gelöst werden, eine neue Verdickungsmittelzubereitung auf [X.] für wässrige Systeme zu finden, die bei zumindest gleich guter [X.]wirkung eine deutlich geringere Eigenviskosität aufweist. Die Lösung bestand darin, einem Polyurethanverdicker neben den größtenteils bereits bekannten Emulgatoren eine [X.] beizumischen ([X.], [X.] 42 bis 55).

Zum Beleg der vorteilhaften Wirkung einer solchen Komponente dokumentiert [X.] in der nachfolgend eingefügten Tabelle 13 vergleichend Messergebnisse der Viskosität und [X.]wirkung von Zusammensetzungen gemäß der dortigen Erfindung (Beispiele 44, 45) und Mischungen, denen ein nicht-ionischer Emulgator und/oder die Komponente [X.] fehlt ([X.] 20, 21, 23, 24) und die deshalb zum Teil ([X.] 21 und 24) die vom Streitpatent vorgeschlagene stoffliche Zusammensetzung aufweisen:

Abbildung

Soweit in dieser Tabelle Spalten für "[X.]" bzw. "[X.]" vorgesehen sind, hat das Patentgericht festgestellt, dass der Fachmann darin ein Versehen erkennt und die "[X.]" für die [X.] 21 und 24 als "Komponente b" und "[X.]" als "Komponente [X.]" interpretiert. Auf die diesbezüglichen Ausführungen im angefochtenen Urteil wird Bezug genommen. [X.] konkrete Anhaltspunkte, die Zweifel an der Richtigkeit der vom Patentgericht getroffenen Feststellung begründen und eine neue Feststellung gebieten würden (§§ 117 [X.], 529 Abs. 1 ZPO), vermag die Berufung, die insoweit im Wesentlichen das erstinstanzliche Vorbringen der Beklagten vertiefend wiederholt, nicht aufzuzeigen. Ihre Erklärungsversuche, warum der Fachmann den Schreibfehler nicht erkennen und eine andere Erkenntnis aus der [X.] gewinnen werde, sind nicht plausibel. In der Beschreibung der [X.] finden sich keine Definitionen für Komponenten A und B, wohl aber für Komponenten b und [X.] usw. (Beschreibung ab S. 2 Zeile 46 ff.). Ohne eine Erklärung, um was es sich bei "[X.]" in der [X.] handelt, müsste der Fachmann die Beispiele 44 und 45 sowie die [X.] 20 bis 25 als nicht ausführbar oder unklar ansehen, während eine Betrachtung des Dokuments in seiner Gesamtheit ihn zum richtigen Verständnis führt. Die Tabellen darin weisen ganz überwiegend die Komponentenbezeichnungen "b", "[X.]" usw. auf. Soweit in Tabelle 9 Ethyloxid abweichend davon als "[X.]" bezeichnet ist, ergibt sich aus den der Tabelle unmittelbar vorangestellten Erläuterungen, dass "[X.]" gemeint ist. Die Bezeichnung und Zuordnung der Komponenten sowohl in [X.] selbst als auch in der [X.] Parallelanmeldung ist somit zwar uneinheitlich, insgesamt ist jedoch die vom Patentgericht gefundene Erklärung allein plausibel.

b) Auch hinsichtlich der Feststellung des Patentgerichts, dass es sich bei den in den [X.] 21 und 24 eingesetzten, auf dem Markt bereits eingeführten Produkten [X.] BR 900 und [X.] BR 910 um trockene, nicht-ionische, wasserlösliche Assoziativverdicker vom Polyurethantyp entsprechend der [X.] handelt, hat die Berufung keine konkreten Anhaltspunkte aufzuzeigen vermocht, die Zweifel an dieser Feststellung des Patentgerichts begründen und neue Feststellungen gebieten könnten.

Das Produktblatt für [X.] BR 900 ([X.]) weist dieses Erzeugnis als einen lösungsmittelfreien, [X.] und wasserlöslichen Eindicker vom Polyurethantyp aus. Dass es sich bei dem aktiven Wirkstoff der genannten Produkte um ein [X.]polymer im Sinne der [X.] handelt, stand in erster Instanz außer Streit und ist von der Klägerin zudem anhand der [X.]age [X.] eingehend erläutert worden. Die Berufung hat dies nicht zu erschüttern vermocht. Dass [X.] nachveröffentlicht ist, ist unbedenklich, weil damit kein Stand der Technik dokumentiert werden soll, sondern chemische Zusammenhänge, die unverändert bestehen (vgl. insoweit [X.], Urteil vom 24. Juli 2012 - [X.], [X.], 1130 Rn. 24 f. - Leflunomid).

Soweit für [X.] BR 900 ein aktiver Inhalt von mindestens 97 % angegeben wird, haben das schriftsätzliche Vorbringen der Beklagten und die Erörterungen in der mündlichen Verhandlung weder Anhaltspunkte dafür ergeben, dass dem als Verdickungsmittel angegebenen Polyurethan andere aktive Stoffe beigemischt gewesen sein könnten, noch dass es sich bei dem Rest um etwas anderes als Rückstände der Ausgangssubstanzen und gegebenenfalls Wasser handelt. Soweit die Berufung die Verwendung von Polyurethan mit dem Hinweis auf den deutlich abweichenden Viskositätswert von 29.500 [X.]/23°C im [X.] der Tabelle 2 gegenüber dem entsprechenden Wert in den [X.] 21 und 24 der Tabelle 13 anzweifelt, übersieht sie zum einen, dass die Viskosität in breiten Grenzen variieren kann (vgl. [X.] S. 5 Z. 25 ff.), und zum anderen, dass bei den [X.] in Tabelle 2 nicht zwangsläufig ebenfalls mit [X.] BR 900 bzw. 910 gearbeitet worden sein muss.

Abbildung 

In den [X.] 21 und 24 in Tabelle 13 wird dem Assoziativverdicker auf [X.] lediglich als Komponente b (fälschlich als "[X.]" bezeichnet) ein mit der nebenstehenden Strukturformel definiertes [X.] Tensid sowie Wasser jeweils in [X.] hinzugefügt, die den Merkmalen 3 und 4 entsprechen. Die [X.] 21 und 24 entsprechen mit den für sie angegebenen Viskositätswerten dem Merkmal 1.2. Mit dem Fehlen einer Komponente gemäß Merkmal 6.3 erfüllen die Vergleichsmerkmale die Disclaimermerkmalsgruppe 6.

c) Der Gegenstand von Patentanspruch 1 wird damit zumindest von dem [X.]1 der [X.] neuheitsschädlich vorweggenommen.

aa) Dass das Produktblatt [X.] für eine Verwendung von [X.] BR 900 nur Beimischungen dieses Produkts in Wasser mit einem Gehalt von bis zu 10 % - bei Fehlen weiterer Zusatzstoffe - vorsieht, steht dem nicht entgegen, weil die Verwendung des Produkts in den [X.] zugrunde liegenden Versuchen nicht an die [X.] für eine leichte Handhabung gebunden waren und die dort gezeigten [X.] 20 und 21 deutlich zeigen, dass es eines Tensids als weiteren Zusatzstoff bedarf, um eine hinreichend niedrige Viskosität zu erreichen.

bb) Entgegen der Ansicht der Berufung verstößt es nicht gegen das für die Neuheitsprüfung geltende Gebot des [X.], im Rahmen der Ermittlung des [X.] von [X.] die Produktinformationen aus [X.] zu berücksichtigen. Es ist anerkannt, dass Verweise in Dokumenten wie etwa auf "herkömmliche Verfahren" durch Heranziehen von Nachschlagewerken konkretisiert werden können (Busse/Keukenschrijver, 7. Aufl., § 3 Rn. 83 mN in [X.]. 329). Entsprechend verhält es sich hier. Die Bezugnahme auf [X.] BR 900 in [X.] als auf einen handelsüblichen Polyurethanverdicker deutet darauf hin, dass es sich um ein so marktgängiges Erzeugnis handelt, dass dem Fachmann seine Zusammensetzung ohne Weiteres bekannt ist oder er sich die entsprechenden Produktinformationen ohne Hindernisse beschaffen kann.

cc) [X.] trifft Patentanspruch 1 des Streitpatents entgegen der Auffassung der Berufung insgesamt neuheitsschädlich, obwohl die [X.] 21 und 24 in [X.] in Bezug auf die [X.] lediglich ein Polyurethan gemäß [X.] BR 900 bzw. 910 und in Bezug auf die [X.] nur ein [X.] Tensid offenbaren. Patentschutz kann nur für eine insgesamt neue Erfindung beansprucht werden. Wird ihr Gegenstand im Stand der Technik auch nur mit einer erfassten Ausführungsform vorweggenommen, fehlt es an dieser Voraussetzung (vgl. [X.]/Melullis, [X.], 10. Aufl., § 3 Rn. 12). Andernfalls würde ein Exklusivrecht für schon im Stand der Technik Bekanntes verliehen. Das gilt auch, wenn, wie hier, als Bestandteile einer Stoffzusammensetzung mehrere Stoffe oder Stoffgruppen alternativ beansprucht werden, obwohl einige dieser Stoffe oder Stoffgruppen als Bestandteil einer solchen Zusammensetzung bekannt waren. Dies steht zu der von der Beklagten angeführten Rechtsprechung des [X.] insbesondere zum [X.] von Strukturformeln ([X.], Urteil vom 16. Dezember 2008 - [X.], [X.]Z 179, 168 - Olanzapin) nicht in Widerspruch. Denn es geht nicht darum, ob mit [X.] auch die anderen in Patentanspruch 1 beanspruchten [X.]polymere offenbart sind, sondern, worauf der Senat in der mündlichen Verhandlung hingewiesen hat, darum, dass ein solcher Anspruch nicht in seiner Gesamtheit gewährt werden kann.

dd) Für die Vorwegnahme der [X.] reicht es im Übrigen aus, dass [X.] BR 900 - am [X.] - auf dem Markt erhältlich war. Damit war der Fachmann in der Lage, eine der [X.] entsprechende Zusammensetzung herzustellen. Für eine die Neuheit eines Erzeugnisses ausschließende Offenbarung reicht es aus, wenn ein auf dem Markt erhältliches Produkt die Merkmale dieses Erzeugnisses tatsächlich aufweist. Es ist nicht erforderlich, dass der Fachmann die konkreten Eigenschaften des Produkts kannte oder in der Lage war, diese analytisch zu bestimmen und danach das Produkt herzustellen (vgl. [X.], Urteile vom 13. Juli 2010 - [X.], juris Rn. 48 f.; vom 18. November 2010 - [X.], [X.], 129 Rn. 45 - Fentanyl-TTS).

2. Patentanspruch 1 ist auch in der Fassung der Hilfsanträge nicht patentfähig. Die in diesen Fassungen beschriebenen Gegenstände beruhen nicht auf erfinderischer Tätigkeit. Die Frage der Zulässigkeit der gestellten Hilfsanträge kann daher offen bleiben.

a) Im Hilfsantrag I wird Patentanspruch 1 folgendes zusätzliches Merkmal als Ausschlusskriterium hinzugefügt:

"7. ausgenommen einer Verdickungsmittelzubereitung bestehend aus einem Gemisch zu 25 Gew.-% [X.] BR 900 oder zu 25 Gew.-% [X.] BR 910 sowie zu 25 Gew.-% eines Stoffes der folgenden Formel:

Abbildung

und Wasser im Übrigen."

Die in diesem Merkmal als Disclaimer beschriebene Stoffzusammensetzung entspricht den [X.] 21 und 24 der [X.].

Hilfsantrag II entspricht Hilfsantrag I mit der Abweichung, dass in Merkmal 2.1 die Worte "Polyester, modifizierte Cellulosederivate, Polyesterurethane" fehlen.

Hilfsantrag III entspricht Hilfsantrag II mit der Abweichung, dass Merkmal 2.1 nur noch Polyurethane als Auswahl für das [X.]polymer vorsieht und Unteranspruch 3 wegfällt.

b) Gegen die Zulässigkeit der Hilfsanträge können unter dem Gesichtspunkt des Klarheitsgebots Bedenken bestehen. Ein [X.]s Patent kann im [X.] nicht mit Patentansprüchen beschränkt verteidigt werden, die dem Erfordernis einer deutlichen (klaren) Anspruchsfassung nicht genügen ([X.], Urteil vom 18. März 2010 - [X.], [X.], 709 - Proxiserversystem). Das schließt ein, dass die beschränkten Ansprüche in sich widerspruchsfrei sind. Ob es daran, unbeschadet der Frage der generellen Zulässigkeit von [X.], bereits deshalb fehlt, weil hier [X.] von den Ansprüchen ausgenommen sein sollen, die [X.] BR 900 bzw. 910 enthalten, deren Aktivstoff ein Polyurethan ist (oben [X.]), Polyurethan gleichzeitig aber als [X.]polymer in der Fassung aller Hilfsanträge beansprucht wird und damit unklar sein könnte, was beansprucht wird und was nicht, bedarf im Hinblick auf die nachfolgenden Ausführungen zur erfinderischen Tätigkeit keiner abschließenden Entscheidung.

c) Jedenfalls war eine den Gegenständen der jeweiligen Patentansprüche 1 aus den [X.] bis III entsprechende [X.]zusammensetzung dem Fachmann durch den Stand der Technik nahegelegt.

aa) Bereits vor dem [X.] war für das Produkt [X.] ein Produktblatt ([X.]. [X.]) der Öffentlichkeit zugänglich. Soweit die Beklagte dessen Vorveröffentlichung erstmals in der Berufungsinstanz bestreitet, ist dies gemäß §§ 117 [X.], 531 Abs. 2 ZPO nicht zu beachten; die Beklagte zeigt aber auch keine tatsächlichen Umstände auf, die Zweifel daran begründen könnten, dass [X.] vor dem [X.] tatsächlich vertrieben und mit dem Produktblatt [X.] beworben worden ist. Dass in einzelnen zu den Akten gereichten Dokumenten von einem [X.]-Gel die Rede ist, rechtfertigt entgegen der Berufung nicht die Annahme oder den begründeten Verdacht, dass es dieses Erzeugnis als leicht viskose Flüssigkeit gar nicht gegeben hätte. Das Produktblatt ([X.]) offenbart, dass es mit [X.] ein Produkt auf der Basis eines lösungsmittelfreien, in Wasser löslichen, flüssigen Polyurethanverdickers gab, dessen aktive Stoffe darin einen Anteil von 35 % aufweisen. Die [X.] wird bei einer Spindeldrehzahl von 100 U/min mit 4.000 cP angegeben ([X.] S. 1 re. [X.]). Gegen die Feststellung des Patentgerichts, dass sich daraus eine Viskosität von weniger als 15.000 [X.] entsprechend der Maßeinheit von Merkmal 1.2 ergibt, sind keine konkrete Zweifel begründenden Anhaltspunkte ersichtlich.

bb) Aufgrund der in diesem Produktblatt beschriebenen vorteilhaften Eigenschaften, nämlich einer lösungsmittelfreien und gleichwohl entsprechend dem Merkmal 1.2 [X.]en [X.]zusammensetzung, hatte der Fachmann [X.]ass, Überlegungen zur Herstellbarkeit eines solchen oder ähnlichen Produkts mit gleichen Eigenschaften anzustellen.

Aus dem Produktblatt erfuhr er, dass eine solche Zusammensetzung mit einem Polyurethan zu erzielen war. Ihm war bekannt, dass die bloße Mischung eines für einen Assoziativverdicker geeigneten Polyurethans mit Wasser nicht zu der gewünschten Viskosität führen würde, jedenfalls wenn der aktive Anteil bei 35 % liegt. Da das in [X.] beschriebene Produkt keine organischen Lösungsmittel enthielt, drängte sich ihm auf, dass ein anderer Zusatzstoff erforderlich ist, um die gewünschte Viskosität zu erzielen. Hierzu war aus [X.] und dem Aufsatz von [X.] u.a. "[X.] in Latex Systems" in [X.].[X.].[X.] (1986) [X.] ([X.]) bekannt, dass neben organischen Lösungsmitteln auch oberflächenaktive Stoffe entsprechende Auswirkungen auf die assoziativen Bindungen und somit auf die Viskosität eines [X.]s haben. Dem Aufsatz "[X.] modified urethane-ethoxylate ([X.]) associative thickeners" von [X.] in [X.], 82 (1994), [X.] ([X.]) entnahm er entsprechend den Feststellungen des Patentgerichts, die nicht infolge konkreter Anhaltspunkte zweifelhaft erscheinen, dass diese Wirkungen von oberflächenaktiven Stoffen nicht erst im Endprodukt sondern bereits in den dem Endprodukt beigemischten, wässrigen [X.]zusammensetzungen wirksam werden.

Die durch diese neueren Veröffentlichungen in [X.], 13 und 18 vermittelten Erkenntnisse wurden durch die in der älteren [X.] Patentanmeldung 32174/78 ([X.]) mitgeteilten Beobachtungen, die Hinzufügung von oberflächenaktiven Stoffen zu Polyurethan bewirke eine erhebliche Steigerung der Viskosität (S. 5 Abs. 2), aus fachlicher Sicht nicht entscheidend erschüttert. [X.] beschreibt hierzu klar, dass die Zugabe solcher Stoffe zwar zunächst zu einer Steigerung, nach Überschreiten eines Maximums aber wieder zu einer Senkung der Viskosität führe ([X.], Zusammenfassung).

Auch wenn [X.] sich, wie die Berufung es darstellt, vorrangig mit dem Endprodukt befasst, womit ausweislich der Titelzeile Farben auf Wasserbasis angesprochen sind, stellt diese Veröffentlichung für den Gegenstand des Streitpatents unmittelbar einschlägiges, dem Fachmann zuzurechnendes Fachwissen dar. Die vom Streitpatent unter Schutz gestellten Zusammensetzungen sind für die Verwendung in wässrigen Systemen vorgesehen, welche nach den weiteren Ausführungen in der Beschreibung u.a. auf Wasser oder Latex basierende Farben und Beschichtungen, Baumaterialien oder Kosmetika einschließen. Aus fachlicher Sicht betreffen die durch einen wissenschaftlichen Beitrag mit diesem Thema vermittelten Erkenntnisse direkt die Weiterentwicklung des Stands der Technik am [X.]. [X.] spricht im Übrigen auch, worauf bereits das Patentgericht hingewiesen hat, den Umweltaspekt an. Es werden die Vorzüge der verschiedenen oberflächenaktiven Stoffe geschildert und in diesem Zusammenhang wird bemerkt, dass [X.] als wasserlösliches Hilfslösungsmittel (scil: nur) die beste Auswahl sei, wenn die Konzentrationen unter den gesetzlich festgelegten Höchstwerten gehalten werden können (vgl. [X.] S. 12).

Hiervon ausgehend hatte der Fachmann [X.]ass, Assoziativverdicker aus der Gruppe der Polyurethane im Wege von Versuchen mit oberflächenaktiven Stoffen in Wasser zu mischen und dabei jeweils Anteile gemäß den Merkmalen 2 bis 4.1 in Betracht zu ziehen. Entsprechend den Feststellungen des Patentgerichts, die auch insoweit nicht durch konkrete Anhaltspunkte infrage stehen, war zu erwarten, mit solchen Versuchen auch zu Zusammensetzungen entsprechend diesen Merkmalen außerhalb der durch die Disclaimer der Hilfsanträge ausgenommenen Stoffe zu gelangen und dabei eine Gießbarkeit, Dispergierbarkeit und Viskosität entsprechend der Merkmalsgruppe 1 zu erzielen, ohne eine Mischung entsprechend den Merkmalen 6 und 7 verwenden zu müssen. Die Entwicklung einer [X.]zusammensetzung entsprechend dem Gegenstand des [X.] in der Fassung eines der Hilfsanträge hatte daher für den Fachmann zum Prioritätszeitpunkt nahegelegen.

3. Hinsichtlich der Patentfähigkeit der [X.] sowohl in der Fassung des [X.] als auch in den Fassungen der Hilfsanträge der Beklagten wird auf die zutreffenden Ausführungen des Patentgerichts verwiesen, gegen die mit der Berufung auch keine durchgreifenden Bedenken erhoben wurden.

IV. Die Kostenentscheidung beruht auf § 121 Abs. 2 [X.], § 97 Abs. 1 ZPO.

Gröning                             Grabinski                             Hoffmann

                    Deichfuß                          Kober-Dehm

Meta

X ZR 60/13

05.05.2015

Bundesgerichtshof 10. Zivilsenat

Urteil

Sachgebiet: ZR

vorgehend BPatG München, 20. November 2012, Az: 3 Ni 20/11 (EP), Urteil

Art 54 EuPatÜbk

Zitier­vorschlag: Bundesgerichtshof, Urteil vom 05.05.2015, Az. X ZR 60/13 (REWIS RS 2015, 11650)

Papier­fundstellen: REWIS RS 2015, 11650

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Die hier dargestellten Entscheidungen sind möglicherweise nicht rechtskräftig oder wurden bereits in höheren Instanzen abgeändert.

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