Bundesgerichtshof: 1 StR 40/02 vom 16.05.2002

1. Strafsenat | REWIS RS 2002, 3176

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BUNDESGERICHTSHOFIM NAMEN DES VOLKESURTEIL1 StR 40/02vom16. Mai 2002in der Strafsachegegenwegen sexuellen Mißbrauchs eines Kindes- 2 -Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat in der Sitzung vom 16. Mai 2002,an der teilgenommen haben:Vorsitzender Richter am BundesgerichtshofDr. Schäferund die Richter am BundesgerichtshofNack,Dr. Wahl,Schluckebier,Dr. Kolz,Bundesanwalt als Vertreter der Bundesanwaltschaft,Rechtsanwalt als Verteidiger,Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle,für Recht erkannt:- 3 -Die Revision der Staatsanwaltschaft gegen das Urteil des Land-gerichts München I vom 6. September 2001 wird verworfen.Die Kosten des Rechtsmittels und die dem Angeklagten im Revi-sionsverfahren entstandenen notwendigen Auslagen fallen derStaatskasse zur Last.Von Rechts wegenGründe:Das Landgericht hat den Angeklagten vom Vorwurf des sexuellen Miß-brauchs eines Kindes in 159 Fllen aus tatschlichen Gründen freigesprochen.Die hiergegen gerichtete Revision der Staatsanwaltschaft ist unbegründet.I. Die zugelassene Anklage legt dem Angeklagten zur Last, seine am15. Juni 1974 geborene leibliche Tochter K. Kö. vornehmlich im elterli-chen Haus in P. zwischen dem 30. Juni 1984, als K. 10 Jahre altwar, und dem 13. Geburtstag am 15. Juni 1987 wiederkehrend sexuell miß-braucht zu haben (Vergehen, strafbar nach § 176 Abs. 1, Abs. 3 Nr. 1StGB aF). Zu den ersten sexuellen Übergriffen soll es bereits in K. Kö. sdrittem oder viertem Lebensjahr und damit in verjrter Zeit im Saunabereichdes Hauses beim samstlichen gemeinsamen Duschen gekommen sein;- 4 -K. K. muûte der Anklage zufolge dort dem Angeklagten den Penis biszum Samenerguû mit dem Waschlappen abreiben. Ab dem sechsten Lebens-jahr des Mchens soll es schlieûlich einmal wchentlich zum Oralverkehr ge-kommen sein. Im Alter von etwa sieben Jahren habe erstmals und in der Fol-gezeit dann regelmûig Geschlechtsverkehr zwischen dem Angeklagten undseiner Tochter stattgefunden. Die sexuellen Übergrifftten geendet, alsK. K. ihre erste Regelblutung hatte. Der letzte Vorfall habe sich im Au-gust 1988 wrend eines Urlaubs in Jugoslawien ereignet. Die Anklage gehtweiter davon aus, daû K. K. aufgrund des Miûbrauchs ster an einererheblichen posttraumatischen Belastungsstrung litt, die sie veranlaûte, sichr Jahre hinweg psychotherapeutisch behandeln zu lassen.K. K. ttete sich am 20. Dezember 1999 im Alter von 25 Jahrenselbst. Sie stand deshalb schon im Ermittlungsverfahren nicht als Zeugin zurVerf. Die Anklage sttzt sich im wesentlichen auf ihre Äuûerungen ge-r Freunden, Ärzten und Therapeuten sowie auf handschriftliche Ab-schiedszeilen, die sie hinterlieû.Der Angeklagte hat die Taten bestritten. Die Strafkammer hat sich vonseiner Tterschaft nicht zrzeugen vermocht. Sie konnte nicht ausschlie-ûen, daû die Äuûerungen K. K. s auf eine Gchtnistschung zurck-zufren sind, derzufolge sie nur der Meinung war, miûbraucht worden zu sein.Die Äuûerungen K. K. s kch der Bewertung des Landgerichtsihre Erklrung u.a. auch in intensiver gedanklicher Befassung mit fiktiven Er-eignissen und in besttigenden Gesprchen finden; sie ksich nach demGutachten des aussagepsychologischen Sachverstigen, dem die Straf-kammer unter weiterer Beratung durch einen jugendpsychiatrischen Sachver-stigen folgt, auch "narziûtisches Mittel der Selbstdarstellung" und eine "the-- 5 -rapieinduzierte Suggestion" gewesen sein. Im wesentlichen hebt die Strafkam-mer bei ihren Zweifeln an der Tterschaft des Angeklagten darauf ab, daûK. K. erstmals sieben Jahre nach dem Ende des behaupteten sexuellenMiûbrauchs ihrer Freundin davon erzlte, dies etwa ein weiteres Jahr sterwiederholte und dann aucr ihrer Hausrztin, ihrer Frrztin undwrend zweier Klinikaufenthalte davon berichtete. Die Schilderttenkaum Einzelheiten enthalten. Wrend der Tatzeitspanne seien weder in derSchule noch im Freundes- und Familienkreis Verhaltensaufflligkeiten beob-achtet worden, wie sie bei miûbrauchten Kinderfig vorl. Ihre Mutterund der im gemeinsamen Haushalt wohnende Bruder tten trotz der Hellh-rigkeit des Hauses und der Vielzahl der in Rede stehenden Flle nie Verdachtgescft. K. K. habe weiter schon frsexuelle Beziehungen zu Mn-nern unterhalten. Probleme wie Abneigung, Ekel oder Frigiditt seien dabeinicht aufgetreten. Einer ihrer als Zeugen vernommenen Liebhaber habe garberichtet, daû sie mit Gewalt verbundene Sexualitt als anregend empfundenhabe. Schlieûlich habe sie trotz jahrelanger Psychotherapie bei der Diplompsy-chologin Dr. B. nie von sexuellem Miûbrauch in der Kindheit berichtet.Auch bei einer Exploration in der Abteilung fr Psychotherapie und Psychoso-matik der psychiatrischen Klinik der Universitt Mchen durch Dr. Bu. Ende 1997 habe sie einen Miûbrauch nicht erwt. Im rigen sei es geradeder Angeklagte gewesen, der im November 1997 darauf gedrungen habe, daûsie sich wegen ihrer stigen Kopfschmerzen in der Universittsklinik unter-suchen lasse. Im Falle der Tterschaft habe dem Angeklagten als Arzt bewuûtsein mssen, daû die Taten auf diese Weise offenbar werden kten.Die Zweifel der Kammer am objektiven Wahrheitsgehalt der Erzlun-gen K. K. s wurden verstrkt durch Gutachten zweier Sachverstiger.Der Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. T. hat ausgefrt, die bei K. - 6 -K. wrend zweier Klinikaufenthalte in den Jahren 1998 und 1999 gestellteDiagnose der posttraumatischen Belastungsstrung sei offensichtlich falsch.Ein Rckschluû von den bei ihr festgestellten Symptomen auf einen sexuellenMiûbrauch in der Kindheit sei nicht mlich. Man kran denken, daûK. K. der Eindruck, sie sei sexuell miûbraucht worden, "antherapiert"worden sei. Der aussagepsychologische Sachverstige Prof. Dr. F. vermochte auf der Grundlage des Aktenstudiums und der Teilnahme an derHauptverhandlung die These, daû die Vorwrfe objektiv falsch seien, nichtauszuschlieûen. Die Mlichkeit einer falschen Beschuldigung existiere nichtnur, sondern msse als substantiell angesehen werden. Unstimmigkeiten inden Aussagen, der Mangel an Details, jegliches Fehlen "iger Evi-denz" und die Erkenntnisse der Gchtnispsychologie erzeugten erheblicheZweifel. Die Strafkammer hat die Ausfrungen der Sachverstigen fr r-zeugend und nachvollziehbar erachtet. Sie hatte aufgrund der Angaben dervernommenen Zeugen und der Gutachten der Sachverstigen so erheblicheZweifel an der Schuld des Angeklagten, daû sie diesen freigesprochen hat.II. Die vom Generalbundesanwalt nicht vertretene Revision der Staats-anwaltschaft, die eine Verurteilung des Angeklagten erstrebt, bleibt ohne Er-folg.1. Die Aufklrungsrist schon nicht in zulssiger Weise erhoben,rdies auch unbegrt.Die Beschwerdefrerin meint, das Landgericht habe sich gedrt se-hen mssen, die rzte der Kliniken zu vernehmen, die bei K. K. dieEingangsuntersuchungen vorgenommen haben, als diese sich im Sommer1998 zur statiren Behandlung in der klinik in Bad W. (Indi-kationsgruppe fr traumatisierte Frauen) und im Stsommer 1999 in der psy-- 7 -chosomatischen Abteilung der klinik in Ka. (frauenspezifischeAbteilung fr posttraumatische Belastungsstrungen) befunden habe. DerenVernehmtte ergeben, daû K. K. sehr wohl an einer posttraumati-schen Belastungsstrung gelitten habe. Die Strafkammer habe sich nicht mitder Vernehmung der behandelnden Therapeutrfen. Sittesich zu der weiteren Beweiserhebung gedrt sehen mssen, weil in denStrafakten die Befunde der rzte enthalten seien, welche die Eingangsuntersu-chungen in den genannten Spezialkliniken fr Opfer sexuellen Miûbrauchsvorgenommtten.Die Rscheitert bereits daran, daû die Beschwerdefrerin die be-treffenden rzte nicht namentlich benennt und vor allem die konkreten Befun-de, die diestten besttigen sollen, nicht mitteilt. Die Beschwerdefreringeht rdies daran vorbei, daû das Landgericht in den Urteilsgrie inden Kliniken gestellte Diagnose einer "posttraumatischen Belastungsstrung"ausdrcklich feststellt, sie indessen - wie der Zusammenhang der Beweiswr-digung ergibt - mit dem dazrten kinder- und jugendpsychiatrischenSachverstigen als "falsch" verwirft. Über die im einzelnen dazu getroffenenFeststellungen hinausgehende Einzelheiten, die geeignet wren, dieses Er-gebnis konkret in Frage zu stellen, trt die Revision nicht vor.Bei dieser Sachlage liegt auf der Hand, daû sich der Strafkammer dievon der Revision vermiûte Vernehmung der rzte der Kliniken nicht aufdrmuûte, nachdem sie die dort ttigen Therapeuten als Zrt hatte.Dem entspricht, daû auch in der Hauptverhandlung weder die Beschwerdefh-rerin noch ein anderer Verfahrensbeteiligter einen Grund gesehen haben, ei-nen entsprechenden Beweisantrag zu stellen.- 8 -2. Die sorgfltige Beweiswrdigung der Strafkammer lt sachlich-rechtlicher Nachprfung stand. Die von der Beschwerdefrerin erhobenenEinwfehl.a) Die Beweiswrdigung ist Sache des Tatrichters. Die revisionsgericht-liche Prfung ist auf das Vorliegen von Rechtsfehlern beschrkt (vgl. § 337StPO). Deshalb hat es das Revisionsgericht grundstzlich hinzunehmen, wenndas Tatgericht einen Angeklagten freispricht, weil es Zweifel an seiner Tter-schaft nicht zrwinden vermag. Sachlich-rechtliche Fehler kindes-sen vorliegen, wenn die Beweiswrdigung widersprchlich, unklar oder lk-kenhaft ist. Insbesondere muû die Beweiswrdigung erscfend sein: DerTatrichter ist gehalten, sich mit den von ihm festgestellten Tatsachen unter al-len fr die Entscheidung wesentlichen Gesichtspunkten auseinanderzusetzen,wenn sie geeignet sind, das Beweisergebnis zu beeinflussen. Eine Beweiswr-digung, dir schwerwiegende Verdachtsmomente ohne Errterung hin-weggeht, ist fehlerhaft. Schlieûlicrfen die Anforderungen an eine Verurtei-lung nicht rspannt werden. Dabei ist zu beachten, daû eine absolute, dasGegenteil denknotwendig ausschlieûende und von niemandem anzweifelbareGewiûheit nicht erforderlich ist, vielmehr ein nach der Lebenserfahrung ausrei-chendes Maû an Sicherheit t, das verftige und nicht bloû auf denkt-heoretische Mlichkeiten gegrte Zweifel nicht zulût. Der Zweifelsatzdarf schlieûlich erst nach einer solchen erscfenden Wrdigung des ge-samten Beweisergebnisses zur Anwendung kommen. Das Ergebnis einesGlaubwrdigkeitsgutachtens kann den Richter bei der gebotenen umfassendenBewertung der Indiztatsachen lediglich untersttzen (vgl. zu alldem nur BGHNStZ 1999, 153; BGHR StPO § 261 Einlassung 5; Beweiswrdigung 16, jew.m.w.Nachw.; siehe auch Kleinknecht/Meyer-Goûner, StPO 45. Aufl. § 261 Rdn.26).- 9 -Darr hinaus hat der Bundesgerichtshof fr unterschiedliche Fallge-staltungen, bei denen im Kern "Aussage gegen Aussage" steht, besondereAnforderungen an die Tragfigkeit einer zur Verurteilung frenden Beweis-wrdigung formuliert. So hat er etwa in Fllen, in denen die Aussage des einzi-gen Belastungszeugen in einem wesentlichen Detail als bewuût falsch anzuse-hen war, auf dessen Angaben jedoch die Verurteilung gesttzt werden soll,verlangt, daû Indizien fr deren Richtigkeit vorliegen mssen, die auûerhalbder Aussage selbst liegen (vgl. BGHSt 44, 256, 257). Steht "Aussage gegenAussage" t die Entscheidung im wesentlichen davon ab, welchen An-gaben das Tatgericht folgt, sind gerade bei Sexualdelikten die Entstehung unddie Entwicklung der belastenden Aussage aufzuklren. Das gilt vor allem dann,wenn ein Zusammenhang mit familiren Auseinandersetzungen nicht vonvornherein auszuschlieûen ist (BGH NStZ 1999, 45; NStZ 2000, 496). Die Aus-sage eines "Zeugen vom Hrensagen" vermag fr sich genommen ohne zu-stzliche Indizien einen Schuldspruch nicht zu tragen (BGHSt 44, 153, 158).b) Der vorliegende Fall weist die Besonderheit auf, daû eine Verurtei-lung des Angeklagten letztlich allein auf die Angaben K. K. s zu sttzengewesen wre, die diesr Dritten gemacht und in ihren handschriftli-chen Abschiedszeilen angesprochen hat. K. K. stand indessen wederim Ermittlungsverfahren noch im Hauptverfahren als Zeugin zur Verf.Objektive Tatspuren oder sonst unmittelbare Beweismittel fehlen. All diesschlieût zwar nicht von vornherein und von Rechts wegen aus, auch auf sol-cher Grundlage eine Überzeugung von der Tterschaft gewinnen zu k.Allerdings sind strenge Anforderungen an die Tragfigkeit einer zur Verurtei-lung frenden Beweiswrdigung zu stellen. Das ergibt sich bereits daraus,daû der Tatrichter hier die Glaubwrdigkeit der unmittelbaren Beweispersonund die Glaubhaftigkeit ihrer Angaben nicht origir, sondern nur vermittelt- 10 -r Berichte anderer beurteilen kann. Eine Befragung gezielt im Blick auf dieTatvorwrfe war ebensowenig mlich wie eine etwaige Glaubwrdigkeitsbe-gutachtung. Nicht einmal im Ermittlungsverfahren konnte eine Vernehmung dereinzigen unmittelbaren Belastungszeugin konkret zu der gegen den Angeklag-ten erhobenen Beschuldigung erfolgen, deren Ziel es naheliegenderweiseauch gewesen wre, weitere Anhaltspunkte fr eine Überprfung des Wahr-heitsgehalts der strafrechtlich erheblichen Vorwrfe zu gewinnen. Das Fehlenjeglicher strafverfahrensbezogenen, mit einer Belehrung verbundenen und un-ter Wahrheitspflicht (vgl. §§ 153, 164 StGB) erfolgten Vernehmung K. K. s berrt die Tragfigkeit der Tatsachengrundlage fr eine etwaige Ver-urteilung hier um so mehr, als die Sachverstigen, denen das Landgerichtauch insoweit folgt, hervorgehoben haben, daû K. K. die Übernahmefrmlicher Verantwortung fr ihre Vorwrfe durch Erstattung einer Strafanzeigevermieden habe und daû die fiValidittfl, also der Wahrheitsgehalt ihrer uûe-rungen in den statiren Therapien nicht hinreichend geprft worden sei; die-stten in erster Linie die Minderung ihres subjektiven Leidensdrucks be-zweckt. Die Strafkammer hat rdies festgestellt, daû es zwischen K. K. und dem Angeklagten auch nach dem angenommenen Tatzeitraum wie-derholt zu heftigem Streit im slichen Bereich gekommen war. Darr hin-aus waren aus den genannten Grie Verteidigungsmlichkeiten desAngeklagten in hohem Maûe eingeschrkt; auch er und sein Verteidiger ver-mochten K. K. nicht zu befragen. Unter all diesen Umstwar derBeweiswert der uûerungen K. K. s von vornherein erheblich gemindert(vgl. dazu auch BGHSt 46, 93, 103).c) Den danach an die Beweiswrdigung zu stellenden strengen Anforde-rungen ist das Landgericht gerecht geworden. Es hat die Anforderungen anseine Überzeugungsbildung indessen auch nicht rspannt. Seine Beweis-- 11 -wrdigung leidet schlieûlich nicht unter einem durchgreifenden Errterungs-mangel.aa) Die Beschwerdefrerin meint, die Urteilsfeststellungen seien "unzu-reichend"; die Strafkammer habe die Zeugenaussagen nur teilweise wiederge-geben. Belastende Bekundungen der Zeuginnen St. und I. K. fn-den sich nicht im Urteil und die Strafkammer setze sich nicht mit ihnen ausein-ander.Die Beanstandung greift nicht durch. Die Strafkammer hat den fr sierzeugungskrftig feststellbaren Sachverhalt in den Urteilsgrrge-stellt (UA S. 6 bis 20 unter II.). Im Zusammenhang mit der folgenden Beweis-wrdigung (UA S. 21 ff. unter III.) ergibt sich ohne weiteres, auf welche Be-weismittel sich die Kammer dabei sttzt. Entgegen der Ansicht der Beschwer-defrerin kann keine Rede davon sein, daû Feststellungen und die Wieder-gabe der Zeugenaussagen "undurchschaubar ineinander rgingen". Einevollstige Dokumentation aller Zeugenaussagen in den Urteilsgrwr-de im rigen deren Zweck verfehlen (vgl. nur BGH NStZ 1998, 51). Der Hin-weis auf das Fehlen einer Auseinandersetzung mit im Urteil nicht erwtenbelastenden Angaben, die auch die Revision nicht r darlegt, geht ins Lee-re. Der sachlich-rechtlichen berprfung ist allein das zugrundezulegen, wassich aus dem Urteil selbst ergibt.bb) Der Revision ist allerdings einzurmen, daû eine ausdrckliche Er-rterung der Bedeutung des Hinweises auf einen stattgefundenen sexuellenMiûbrauch, der sich aus den kurzen Abschiedszeilen ergibt, welche K. K. vor ihrer Selbstttung geschrieben hat, in der Beweiswrdigung fehlt. Daserweist sich unter den im rigen gegebenen Umstjedoch nicht als Be-weiswrdigungslcke.- 12 -Die in Rede stehenden Zeilen waren im Blick auf die Tatvorwrfe er-sichtlich von geringem Aussagegehalt. Sie bleiben inhaltlich noch hinter demzurck, was K. K. anderen erzlt hatte; sie lauten: fiIch fle mich wieein Zombie, wie eine lebendige Tote. Schon zu lange. Miûbrauch - es zerfriûtmich von innen wie ein tliches Krebsgeschwr. Es tut mir so leid. Ich habeeuch so lieb. Ihr habt alle versucht mir zu helfen." Diese Empfindungen stehenohne weiteres mit der These im Einklang, daû K. K. lediglich glaubte,als Kind sexuell von ihrem Vater miûbraucht worden zu sein. Ein gegenlfigerErkenntnisgewinn von Gewicht lût sich aus ihnen ersichtlich nicht ziehen. Eserscheint ausgeschlossen, daû die ausdrckliche Einbeziehung des Inhaltsdieser Abschiedszeilen in die Gesamtschau aller Beweisumstie Zweifelder Strafkammer tte ausrmen und gar eine tragfige Grundlage fr eineVerurteiltte mitbegrk.cc) Die Strafkammer hat sich nicht etwa auf einen nicht bestehendenallgemein-ltigen Erfahrungssatz gesttzt. Soweit die Kammer bei ihrer Be-weiswrdigung erwt, daû Bruder und Mutter von K. K. trotz der Viel-zahl der Flle und der Hellrigkeit des Hauses r Jahre hinweg nichts auf-gefallen sei, daû K. K. im Sommer 1988 allein mit dem Angeklagtenzurck an den Urlaubsort nach Jugoslawien fuhr und ohne Probleme schonfrsexuelle Beziehungen zu Mrn unterhielt, bezieht sie in ihre Wrdi-gung einzelne Umstin, die zumal in der Summe mit weiteren Tatsachenund in der Gesamtschau ihre Zweifel an der Richtigkeit der Tatvorwrfe be-grten. Damit hat sie entgegen der Auffassung der Revision nicht etwa all-gemein-ltige Erfahrungsstze zugrundegelegt, die keine Ausnahme zulassenund schlechthin zwingende Folgerungen ergeben. Vielmehr handelt es sich umauf Erfahrung beruhende Einsichten, die nur Wahrscheinlichkeitsbewertungenermlichen, welche die zu beweisende Tatsache also wahrscheinlicher oder- 13 -unwahrscheinlicher machen, die der Richter aber erst anhand weiterer Be-weisanzeichen prfen und in die Gesamtbewertung der Beweise einstellenmuû (vgl. BGHSt 31, 86, 89 f.; Kleinknecht/Meyer-Goûner, StPO 45. Aufl. §337 Rdn. 31). Daû die genannten Umstier mlicherweise auch anderstten bewertet werden k, erweist sich deshalb nicht als rechtlicher Man-gel der Beweiswrdigung.dd) Die Beschwerdefrerin rt vergebens die Einholung eines aussa-gepsychologischen Gutachtens des Sachverstigen Prof. Dr. F. . Siemeint, die Beweiswrdigung sei Aufgabe des Tatrichters, der sich nur in Aus-nahmefllen eines Sachverstigen bedirfe. Damit will sie erkennbardarauf hinaus, daû der Tatrichter ihres Erachtens seine Verantwortung fr dieUrteilsfindung auf den Sachverstigen abgeschoben habe. Zudem sei eshier unmlich, so die Revision weiter, aufgrund der Aussagen "aus zweiterHand" ein Gutachtr die Glaubhaftigkeit der Angaben einer nicht mehrlebenden Zeugin zu erstellen.Diese Sicht ist von Rechtsirrtum bestimmt. Die Beschwerdefrerin ver-kennt, daû es gerade dann, wenn wie im vorliegenden Falle die Beweiswrdi-gung schwierig ist und die maûgebliche Auskunftsperson Fragen aus dem Be-reich der Aussagepsychologie und der Jugendpsychiatrie aufwirft, die Pflichtdes Tatrichters sein kann (vgl. § 244 Abs. 2 StPO), sich sachverstig bera-ten zu lassen. Das gilt auch dann, wenn die betreffende Auskunftspersonselbst weder fr eine unmittelbare Aussage noch fr eine Exploration oder Un-tersuchung zur Verfsteht. Daû die tatschliche Grundlage fr Ankp-fungen dann mlicherweise eher schmal ist, schlieût die Einholung sachver-stigen Rates nicht aus. Es ist Sache des Sachverstigen, mit zu beurtei-len, ob die gegebene Ankfungsgrundlage fr eine Bewertung ausreicht und- 14 -wie verlûlich und aussagekrftig diese sein kann. Die Beschwerdefrerinerkennt in diesem Zusammenhang jedoch zutreffend, daû die Besonderheitendieses Verfahrens Schwierigkeiten fr die Beurteilung der uûerungen K. K. s r Dritten begrten. Das gilt indessen auch und gerade frden Tatrichter. Diesem dann aber verfahrensrechtlich vorwerfen zu wollen, daûer sich fr seine berzeugungsbildung auch des Rates zweier Sachversti-ger versichert hat, frt ins Abseits.Das Landgericht hat seine Pflicht zur eigenen berzeugungsbildungschlieûlich nicht auf den aussagepsychologischen Sachverstigen verscho-ben, sondern dessen Gutachten bei der gebotenen umfassenden Bewertungder Indiztatsachen lediglich untersttzend herangezogen. Es hat zchst dieGrseiner Zweifel am objektiven Wahrheitsgehalt der Darstellungen K. K. s begrt und erst im Anschluû hervorgehoben, daû diese durchdie eingeholten Gutachten "verstrkt und besttigt" wrden (UA S. 25; sieheauch UA S. 37 unten).ee) Die weiteren Einwr Beschwerdefrerin erweisen sich in derSache lediglich als unerhebliche Angriffe auf die tatrichterliche Beweiswrdi-gung. Damit wird nur der Versuch einer abweichenden Bewertung unternom-men, der einer Revision nicht zum Erfolg zu verhelfen vermag.- 15 -d) Abschlieûend bemerkt der Senat, daû der Bestand des freisprechen-den Urteils hier auch nicht durch die fehlende ausdrckliche Gesamtschau allerbe- und entlastenden Beweisanzeichen gefrdet wird. Die Strafkammer hatdie fr eine Tterschaft des Angeklagten sprechenden Tatsachen festgestelltund in ihrer Beweiswrdigung vornehmlich die Grfr ihre Zweifel darandargestellt. Es kann ausgeschlossen werden, daû ihr dabei die belastendenUmsts dem Blick geraten sein kten.Scfer Nack Wahl Schluckebier Kolz

Meta

1 StR 40/02

16.05.2002

Bundesgerichtshof 1. Strafsenat

Sachgebiet: StR

Zitier­vorschlag: Bundesgerichtshof, None vom 15.05.2002, Az. 1 StR 40/02 (REWIS RS 2002, 3176)

Papier­fundstellen: REWIS RS 2002, 3176

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