Bundesgerichtshof, Beschluss vom 25.10.2022, Az. 4 StR 268/22

4. Strafsenat | REWIS RS 2022, 9324

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Gegenstand

Voraussetzungen einer Verurteilung wegen Brandstiftung an einer Lagerhalle


Tenor

1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des [X.] vom 14. März 2022 aufgehoben; ausgenommen sind die Feststellungen zum äußeren Tatgeschehen, die bestehen bleiben.

Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

2. Die weiter gehende Revision wird verworfen.

Gründe

1

Das [X.] hat den Angeklagten wegen Brandstiftung schuldig gesprochen und unter Einbeziehung einer Geldstrafe aus einem Strafbefehl zu der Gesamtfreiheitsstrafe von fünf Jahren und einem Monat verurteilt. Hiergegen wendet sich der Angeklagte mit seiner auf die Rüge der Verletzung materiellen Rechts gestützten Revision. Das Rechtsmittel hat den aus der [X.] ersichtlichen Teilerfolg; im Übrigen ist es unbegründet im Sinne von § 349 Abs. 2 StPO.

I.

2

Nach den Feststellungen zündete der Angeklagte eine Holzpalette an, die sich wie eine Vielzahl weiterer Holzpaletten sowie leerer Lager- und [X.] unter dem zehn Meter tiefen Vordach einer Lagerhalle eines [X.]s befand. Dabei hielt es der Angeklagte zumindest ernstlich für möglich, dass das dadurch entstehende Feuer um sich greifen und die weiteren Holzpaletten und später auch das gesamte Gebäude erfassen könnte, was er jedenfalls billigend in Kauf nahm. Tatsächlich entzündete der Brand sämtliche dort abgelegten Paletten und griff auf die Lagerhalle über. Durch das vollständige Niederbrennen der [X.], des dort gelagerten Materials und von Maschinen entstand ein Schaden von mindestens vier Millionen Euro.

II.

3

1. [X.] gemäß § 306 Abs. 1 StGB kann keinen Bestand haben.

4

a) Die vom [X.] angenommene Brandstiftung gemäß § 306 Abs. 1 Nr. 3 StGB wird durch die Feststellungen nicht belegt, weil sich aus ihnen nicht ergibt, dass ein Tatobjekt im Sinne dieser Vorschrift in Brand gesetzt worden ist.

5

aa) Gemäß § 306 Abs. 1 Nr. 3 StGB macht sich strafbar, wer fremde Warenlager oder -vorräte in Brand setzt oder durch eine Brandlegung ganz oder teilweise zerstört. Waren sind körperliche Gegenstände, die zum gewerblichen Umsatz, regelmäßig zum Verkauf, bestimmt sind (vgl. [X.], Urteil vom 6. Dezember 2018 – 4 StR 371/18 Rn. 9, [X.]St 63, 300; Urteil vom 22. März 2018 – 5 [X.]/17 Rn. 6, [X.]St 63, 111, 113; [X.] in [X.], 4. Aufl., § 306 Rn. 35; [X.] in [X.], 12. Aufl., § 306 Rn. 31; [X.] in [X.], 5. Aufl., § 306 Rn. 5; [X.], StGB, 70. Aufl., § 306 Rn. 6; [X.]/[X.] in [X.]/[X.], StGB, 30. Aufl., § 306 Rn. 6). Die Begriffsbestimmung der Waren als zum Umsatz bestimmte beweglichen Sachen entspricht dem allgemeinen Sprachgebrauch, wie er auch in § 92 Abs. 2 BGB und § 241a Abs. 1 BGB seinen Niederschlag gefunden hat. Zu einem anderen Begriffsverständnis geben auch die Gesetzesmaterialien zum [X.] (6. [X.]) vom 26. Januar 1998 ([X.]), das den Begriff des Magazins durch den des [X.] ersetzt hat, keinen Anlass (vgl. BT-Drucks. 13/8587 S. 47, 69, 86). Der Gesetzgeber hat in dem Bestreben, den Katalog der [X.] den Erfordernissen der heutigen Wirtschaftsordnung anzupassen (vgl. BT-Drucks. 13/8587 S. 25 f., 87; [X.], Urteil vom 22. März 2018 – 5 [X.]/17 Rn. 9, [X.]St 63, 111, 114), bewusst den umfassenderen Begriff des Magazins aufgegeben, zu dem nach der Rechtsprechung ein Gebäude, eine Baulichkeit oder eine sonstige dauernde Einrichtung zählten, in welchen „bestimmungsgemäß größere Vorräte von Waren, Konsumtibilien, Kriegsbedürfnissen oder dergleichen Gegenständen aufgespeichert werden“ (vgl. [X.], Urteil vom 11. März 1886 – 255/86, [X.]St 13, 407). Keine Waren im Sinne von § 306 Abs. 1 Nr. 3 StGB sind demnach Gegenstände, die zum Eigenverbrauch oder zur Weiterverarbeitung vor Ort bestimmt sind (vgl. [X.], Urteil vom 6. Dezember 2018 – 4 StR 371/18 Rn. 9, [X.]St 63, 300; [X.], Urteil vom 22. März 2018 – 5 [X.]/18 Rn. 6, [X.]St 63, 111, 113; [X.] aaO).

6

bb) Daran gemessen wird die Annahme tauglicher [X.] im Sinne von § 306 Abs. 1 Nr. 3 StGB durch das [X.] nicht von den Feststellungen getragen. Aus den [X.] ergibt sich auch in ihrer Gesamtheit nicht, dass das in der [X.] gelagerte Material und die Maschinen selbst zum gewerblichen Umsatz bestimmt waren. Das versteht sich angesichts der knappen Information zur Nutzerin der [X.] („[X.]“) und zu den gelagerten Sachen („Material“) auch nicht von selbst, da der Begriff „Material“ gerade nicht zur Veräußerung vorgesehene Produkte sondern vielmehr Gegenstände nahelegt, die zum eigenen Verbrauch oder zur Weiterverarbeitung bestimmt und daher von der Vorschrift des § 306 Abs. 1 Nr. 3 StGB nicht geschützt sind.

7

b) Die Urteilsgründe ergeben auch nicht, dass sich der Angeklagte einer Brandstiftung gemäß § 306 Abs. 1 Nr. 1 oder Nr. 2 StGB schuldig gemacht hat. Zwar kann den insoweit [X.] Feststellungen noch entnommen werden, dass durch den Angeklagten [X.] in Sinne von § 306 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 StGB in Brand gesetzt worden sind. Denn bei der Lagerhalle handelte es sich ersichtlich um ein durch Wände und Dach begrenztes, mit dem Erdboden verbundenes Bauwerk, das den Eintritt von Menschen gestattet, und damit um ein Gebäude im Sinne von § 306 Abs. 1 Nr. 1 StGB (vgl. [X.], Urteil vom 30. März 1954 – 1 [X.], [X.]St 6, 107). Auch ist der objektive Tatbestand von § 306 Abs. 1 Nr. 2 StGB erfüllt, da die Lagerhalle mit Materialien und Maschinen eine Sachgesamtheit von baulichen Anlagen und Inventar darstellte, die einem gewerblichen Betrieb dienten (vgl. [X.], Beschluss vom 20. März 2014 ‒ 3 [X.] Rn. 16). Die Annahme des [X.]s, der Angeklagte habe hinsichtlich der Brandlegung mit bedingtem Vorsatz gehandelt, ist aber nicht beweiswürdigend belegt.

8

aa) Eine vollendete Brandstiftung gemäß § 306 Abs. 1 StGB in der hier gegebenen Variante der Inbrandsetzung setzt in subjektiver Hinsicht voraus, dass der Täter zumindest für möglich gehalten und billigend in Kauf genommen hat (bedingter Vorsatz), dass durch seine Tathandlung das in Rede stehende Tatobjekt – wie tatsächlich geschehen – vom Feuer ergriffen wird und selbständig weiterbrennt (vgl. [X.], Beschluss vom 9. Januar 2020 – 4 [X.] Rn. 17, [X.], 402 mwN). Dabei muss sich der Vorsatz auch auf den zum Eintritt des Erfolges führenden Geschehensverlauf erstrecken, wobei eine Abweichung des tatsächlichen vom vorgestellten Kausalverlauf nach der Rechtsprechung des [X.] als unwesentlich anzusehen ist, wenn sie sich innerhalb der Grenzen des nach allgemeiner Lebenserfahrung Vorhersehbaren hält und keine andere Bewertung der Tat rechtfertigt (vgl. [X.], Urteil vom 3. Dezember 2015 – 4 StR 223/15 Rn. 12 mwN). Das Bestehen eines solchen Vorsatzes im Tatzeitpunkt ist – sofern sich dies nicht ausnahmsweise von selbst ergibt – beweiswürdigend zu belegen. Bei einem – wie hier – leugnenden Angeklagten können innere Tatsachen wie seine Vorstellungen über die möglichen Folgen seines Handelns und deren Billigung regelmäßig durch Rückschlüsse aus dem äußeren Tatgeschehen festgestellt werden (vgl. [X.], Urteil vom 5. September 2017 – 5 [X.] Rn. 17, NJW 2018, 246, 248). Ein wesentlicher Anknüpfungspunkt für die Frage, ob der Täter mit [X.] gehandelt hat, ist der Grad der Wahrscheinlichkeit, dass ein Tatobjekt in Brand gerät (vgl. [X.], Beschluss vom 6. März 2013 – 1 StR 578/12 Rn. 28, [X.], 647, 651 mwN). Maßgebend ist insoweit aber stets eine Gesamtschau aller objektiven und subjektiven Umstände (vgl. Urteil vom 6. Dezember 2018 – 4 StR 371/18 Rn. 24 f., [X.]St 63, 300; Beschluss vom 4. März 2010 – 4 [X.] Rn. 5, [X.], 241).

9

bb) Diesen Anforderungen genügt das Urteil nicht. Das [X.] hat zwar festgestellt, dass der Angeklagte es zumindest für ernstlich möglich hielt, dass das durch das Anzünden der Palette entstehende Feuer um sich greifen und die weiteren Holzpaletten und später auch das gesamte Gebäude erfassen konnte, was er jedenfalls billigend in Kauf nahm. In der Beweiswürdigung finden sich aber keinerlei Erwägungen dazu, woraus sich diese Feststellung ergibt. Es ist auch dem Gesamtzusammenhang der Urteilsgründe nicht zu entnehmen, aus welchen Umständen (beispielsweise aus dem Abstand der Paletten von der Gebäudewand bzw. dem Vordach oder aus der Beschaffenheit von [X.]nwand bzw. Vordach) die [X.] gefolgert hat, der Angeklagte habe ein Übergreifen der Flammen von der von ihm angezündeten Holzpalette unter dem Vordach auf die [X.] für möglich gehalten und gebilligt. Ausführungen dazu sind auch nicht entbehrlich, weil sich angesichts der spärlichen Feststellungen zu den Örtlichkeiten und sonstigen Umständen der für den [X.] des Angeklagten wesentliche Grad der Wahrscheinlichkeit dafür, dass durch das Anzünden einer Palette auch die Lagerhalle in Brand gerät, nicht von selbst versteht.

2. Die Feststellungen zum äußeren Tatgeschehen einschließlich der Täterschaft des Angeklagten sind rechtsfehlerfrei getroffen und können daher bestehen bleiben (§ 353 Abs. 2 StPO). Ergänzende Feststellungen, die den bisherigen nicht widersprechen, sind auch zu den äußeren [X.] möglich.

Quentin     

  

Bartel     

  

Rommel

  

Maatsch     

  

Messing     

  

Meta

4 StR 268/22

25.10.2022

Bundesgerichtshof 4. Strafsenat

Beschluss

Sachgebiet: StR

vorgehend LG Bielefeld, 14. März 2022, Az: 2 KLs 26/21

§ 306 Abs 1 Nr 1 StGB, § 306 Abs 1 Nr 2 StGB, § 306 Abs 1 Nr 3 StGB, § 261 StPO

Zitier­vorschlag: Bundesgerichtshof, Beschluss vom 25.10.2022, Az. 4 StR 268/22 (REWIS RS 2022, 9324)

Papier­fundstellen: REWIS RS 2022, 9324

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Die hier dargestellten Entscheidungen sind möglicherweise nicht rechtskräftig oder wurden bereits in höheren Instanzen abgeändert.

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