Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 25.01.2023, Az. 6 C 7/21

6. Senat | REWIS RS 2023, 1991

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Tenor

Auf die Revision der Klägerin wird das Urteil des [X.] vom 27. Mai 2021 wie folgt geändert:

"Auf die Berufung der Klägerin wird das Urteil des [X.] vom 6. Mai 2020 geändert und der Beklagte unter teilweiser Aufhebung seines entgegenstehenden Bescheides vom 28. Februar 2020 verpflichtet, die Klägerin im Zeitraum vom 18. Juli 2018 bis zum 30. April 2019 von der Rundfunkbeitragspflicht für ihre Zweitwohnung in [X.] zu befreien.

Die Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens tragen die Klägerin zu 3/4 und der Beklagte zu 1/4."

Der Beklagte trägt die Kosten des Berufungs- und Revisionsverfahrens.

Tatbestand

1

Die verheiratete Klägerin begehrt die Befreiung von der [X.] für ihre Nebenwohnung im Zeitraum vom 18. Juli 2018 bis zum 30. April 2019 vor dem Hintergrund der Übergangsregelung, die das [X.] in seinem Urteil vom 18. Juli 2018 - 1 BvR 1675/16 u. a. - ([X.] 149, 222) zu § 2 Abs. 1 und 3 [X.] getroffen hat. Die Klägerin wohnt mit ihrem Ehemann in [X.], hierbei handelt es sich melderechtlich um ihre gemeinsame Hauptwohnung. Die Wohnung war im streitigen Zeitraum unter dem Namen ihres Ehemannes als [X.]m angemeldet. Vom 15. Januar 2016 bis zum 30. April 2019 unterhielt die Klägerin außerdem eine Nebenwohnung in [X.], für die sie sich beim Beklagten als [X.] anmeldete. Am 28. Juli 2018 beantragte sie unter Hinweis auf das Urteil des [X.]s vom 18. Juli 2018 die rückwirkende Befreiung von der [X.] zum 1. Januar 2016. Mit Schreiben vom 9. November 2018 teilte ihr der Beitragsservice von [X.], [X.] und [X.] mit, die erforderlichen Voraussetzungen dafür lägen nicht vor. In der Folge wandte sich die Klägerin noch mehrfach vergeblich an den Beklagten.

2

Nachdem die Klägerin am 11. Dezember 2019 Klage mit dem Begehren erhoben hat, den Beklagten zu verpflichten, sie rückwirkend ab dem 1. Januar 2016 von der [X.] für ihre Nebenwohnung in [X.] zu befreien, ist der Beklagte dem mit Bescheid vom 28. Februar 2020 im Hinblick auf die Änderung seiner Verwaltungspraxis im Vorgriff auf den 23. Rundfunkänderungsstaatsvertrag ab dem 1. November 2019 nachgekommen. Eine Befreiung vor dem 1. November 2019 komme jedoch mangels Rechtsgrundlage nicht in Betracht. Gegen diesen Bescheid erhob die Klägerin am 9. März 2020 während des Klageverfahrens Widerspruch. Nach übereinstimmender Erklärung der Erledigung des Rechtsstreits in der Hauptsache für den Zeitraum ab Mai 2019 hat die Klägerin ihren Klageantrag im Übrigen aufrechterhalten. Das Verwaltungsgericht hat mit Urteil vom 6. Mai 2020 das Verfahren eingestellt, soweit die Beteiligten es übereinstimmend für erledigt erklärt haben und die Klage im Übrigen abgewiesen.

3

Das Oberverwaltungsgericht hat die Berufung der Klägerin zugelassen, soweit die Vorinstanz die Klage auch für den Zeitraum vom 18. Juli 2018 bis 30. April 2019 abgewiesen hat, und sie mit Urteil vom 27. Mai 2021 zurückgewiesen. Soweit die Klage Gegenstand des Berufungsverfahrens sei, sei sie zwar zulässig, aber unbegründet. Für ihre Zulässigkeit könne dahinstehen, ob die Mitteilung des Beklagten im Schreiben vom 9. November 2018 einen Verwaltungsakt darstelle oder der Befreiungsantrag der Klägerin (erst) mit Bescheid vom 28. Februar 2020 abgelehnt worden sei. Im ersten Fall habe die Klägerin mit Schreiben vom 18. November 2018 und im zweiten Fall am 9. März 2020 fristgerecht Widerspruch eingelegt. Die Durchführung eines Vorverfahrens vor Klageerhebung sei gemäß § 75 Satz 1 Alt. 1 VwGO entbehrlich gewesen. Keiner der möglichen Ablehnungsbescheide verletze die Klägerin in ihren Rechten. Sie habe keinen Anspruch auf die begehrte Befreiung für den Zeitraum vom 18. Juli 2018 bis zum 30. April 2019. Die Voraussetzungen der einzig als Rechtsgrundlage in Betracht kommenden Überleitungsregelung im Urteil des [X.]s vom 18. Juli 2018 - 1 BvR 1675/16 u. a. - lägen nicht vor. Aus dem Wortlaut sowie dem Sinn und Zweck der Überleitungsregelung folge, dass ein Ehegatte die Befreiung von dem [X.] für eine von ihm gehaltene Nebenwohnung nicht verlangen könne, wenn nicht er, sondern der andere Ehegatte den [X.] für die gemeinsame Hauptwohnung entrichte.

4

Der dem Urteil des [X.]s zugrundeliegende Fall habe einen abweichenden Sachverhalt betroffen. Dort sei das Beitragskonto für die Hauptwohnung auf den Namen der die Nebenwohnung bewohnenden Person geführt worden. Aus dem Wortlaut des Urteilstenors zu 1 ergäbe sich, dass derjenige seiner [X.] nachkomme, der "zur Leistung von Rundfunkbeiträgen herangezogen", mithin auf Zahlung in Anspruch genommen werde. Wer herangezogen werde, bestimmten die Inhaber der Wohnung durch ihre Anmeldung gemäß § 8 Abs. 1 Satz 1 [X.] selbst. Erst nach erfolgloser Inanspruchnahme des angemeldeten [X.] dürfe die Rundfunkanstalt die Daten weiterer Inhaber erheben und jene heranziehen. Bei Mehrpersonenhaushalten werde daher nur diejenige Person herangezogen, auf deren Namen das Beitragskonto geführt werde. Dem Urteil lasse sich weiter entnehmen, dass "[X.]" gleichbedeutend sei mit "Nachkommen" und es sich hierbei um das perspektivische Gegenstück zur "Heranziehung" handele. Dabei sei nicht erforderlich, dass die herangezogene Person den Beitrag selbst entrichte. Ausreichend sei die Zahlung durch Dritte auf Rechnung der herangezogenen Person ("Fürzahler"), wobei es sich dann nach dem objektiven [X.] um die Tilgung der [X.] der herangezogenen Person handele.

5

Auf das Rechtsverhältnis der in Mehrpersonenhaushalten lebenden Personen untereinander komme es nicht an. Es sei unerheblich, ob im Innenverhältnis Ausgleichsansprüche gemäß § 426 Abs. 1 BGB bestünden. Diese wirkten sich nicht auf die Frage aus, wer der Beitragspflicht nachkomme. Die gegenteilige Ansicht übersehe die Bedeutungsgleichheit von "nachkommen", "entrichten" und "herangezogen werden". Die Bezugnahme in der Überleitungsregelung auf § 2 Abs. 3 [X.] müsse so verstanden werden, dass sie sich nur auf einen gesamtschuldnerisch haftenden [X.]ner beziehe, auf dessen Rechnung der [X.] für die angemeldete Hauptwohnung entrichtet werde. Hierfür sprächen auch Sinn und Zweck der Überleitungsregelung, die eine gegen Art. 3 Abs. 1 GG verstoßende Belastung von [X.] mit einem weiteren [X.] abzuwenden suche. Der dem [X.] und der Kostendeckung für eine Inanspruchnahme öffentlicher Einrichtungen dienende Beitrag werde für die Möglichkeit erhoben, öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu empfangen. Wenn der [X.] auf Rechnung des einen Ehegatten für die Hauptwohnung entrichtet werde, schöpfe dies allein bei ihm den Vorteil der [X.] in jener Wohnung ab. Entrichte der andere Ehepartner den Beitrag für die Nebenwohnung auf seine Rechnung, werde wiederum nur bei diesem der Vorteil abgeschöpft, dort öffentlichen Rundfunk zu empfangen. Deswegen fehle es an einer - verfassungswidrigen - mehrfachen Abschöpfung desselben Vorteils.

6

Zwar führe die Entrichtung eines [X.]s durch einen Beitragspflichtigen eines Mehrpersonenhaushalts im Außenverhältnis zur Rundfunkanstalt zum Erlöschen der Beitragspflicht der übrigen gemäß § 2 Abs. 1, Abs. 2 Satz 1 und Abs. 3 Satz 1 [X.] i. V. m. § [X.] gesamtschuldnerisch haftenden Haushaltsmitglieder (§ 44 Abs. 2 Satz 1 [X.]). Es sei unerheblich, welcher Bewohner als [X.]ner angemeldet sei, weil jeder bis zur vollständigen Bezahlung den Beitrag schulde. Da aber die Rundfunkanstalt erst nach erfolgloser Inanspruchnahme des angemeldeten [X.]ners weitere Inhaber heranziehen dürfe, hätten die nicht leistenden Gesamtschuldner den Vorteil der Rundfunkempfangsmöglichkeit im Außenverhältnis unentgeltlich. Dieses Verständnis werde im Übrigen von § 4a [X.] [X.] bestätigt und sei mit Art. 6 Abs. 1 und Art. 3 Abs. 1 GG vereinbar.

7

Mit der von dem Oberverwaltungsgericht zugelassenen Revision verfolgt die Klägerin ihr Begehren weiter. Die Übergangsregelung im Urteil des [X.]s vom 18. Juli 2018 gelte entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts auch für Eheleute. Die Rundfunkanstalt lasse eine gemeinsame Anmeldung von Ehegatten nicht zu; dies könne nicht zu ihren Lasten gehen.

8

Die Klägerin beantragt,

unter Abänderung der Urteile des [X.] vom 27. Mai 2021 und des [X.] vom 6. Mai 2020 den Beklagten unter teilweiser Aufhebung des Bescheids vom 28. Februar 2020 zu verpflichten, die Klägerin in dem Zeitraum vom 18. Juli 2018 bis zum 30. April 2019 von der [X.] für die Zweitwohnung in [X.] zu befreien.

9

Der Beklagte beantragt,

die Revision zurückzuweisen.

Er verteidigt das Berufungsurteil und führt ergänzend aus: Die Anmeldung des Ehemannes der Klägerin gehe auf die Überleitungsregelung in § 14 Abs. 3 und 4 [X.] zurück, weil dieser bereits mit [X.] im Datenbestand der Gebühreneinzugszentrale angemeldet gewesen sei. Hieran habe er - der Beklagte - nichts geändert. Auch die Klägerin habe keine Bemühungen gezeigt, das Beitragskonto der Hauptwohnung auf ihren Namen umzumelden. Im Übrigen liege nach den Entscheidungsgründen des Urteils des [X.]s vom 18. Juli 2018 eine doppelte Inanspruchnahme zur Zahlung des [X.]s nur vor, wenn dieselbe Person mehrfach herangezogen werde. Die Klägerin leiste jedoch für die Hauptwohnung keinen [X.]. Art. 3 Abs. 1 GG sei nicht verletzt, weil die Klägerin und ihr Ehemann auch getrennt voneinander jeweils in der Haupt- und der Nebenwohnung öffentlich-rechtlichen Rundfunk empfangen könnten. Auch eine Verletzung von Art. 6 Abs. 1 GG liege nicht vor, Eheleute würden gegenüber anderen Mehrpersonenhaushalten nicht benachteiligt. § 4a [X.] [X.] diene nicht der Beseitigung von Benachteiligungen von Ehepartnern, sondern setze das Fördergebot aus Art. 6 Abs. 1 GG um.

Entscheidungsgründe

Die zulässige Revision der Klägerin ist begründet. Das Berufungsgericht hat die auf [X.] von der [X.]spflicht gerichtete Klage im Ergebnis zu Recht für zulässig erachtet (1.). Allerdings beruht das angefochtene Urteil auf einer Verletzung revisiblen Rechts im Sinne des § 137 Abs. 1 VwGO, soweit es die Klage als unbegründet angesehen hat. Es stellt sich insoweit auch nicht aus anderen Gründen als im Ergebnis richtig dar (§ 144 Abs. 4 VwGO). Da es für die Entscheidung in der Sache keiner weiteren tatsächlichen Feststellungen bedarf, kann sie der [X.] gemäß § 144 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 VwGO selbst treffen (2.).

1. Die Verpflichtungsklage ist zulässig. Abweichend von § 68 Abs. 2 i. V. m. Abs. 1 Satz 1 VwGO bedurfte es nicht der vorherigen Durchführung eines Widerspruchsverfahrens, da ein Fall der behördlichen Untätigkeit gemäß § 75 Satz 1 Alt. 2 VwGO vorliegt.

Unzutreffend nimmt das Berufungsgericht zwar an, dass die Voraussetzungen des § 75 Satz 1 Alt. 1 VwGO erfüllt seien, d. h. der Beklagte über einen Widerspruch ohne zureichenden Grund in angemessener Frist sachlich nicht entschieden hat. Entweder sei das Schreiben des Beklagten vom 9. November 2018 als Bescheid auszulegen, mit dem der auf [X.] gerichtete Antrag der Klägerin abgelehnt worden sei, gegen den diese mit Schreiben vom 18. November 2018 rechtzeitig Widerspruch erhoben habe, oder liege die Ablehnung des [X.]santrags im Bescheid des Beklagten vom 28. Februar 2020, gegen den am 9. März 2020 Widerspruch erhoben worden sei. Dies ist mit Bundesrecht nicht vereinbar, weil der Beklagte bis zur Erhebung der Klage ohne zureichenden Grund innerhalb einer angemessenen Frist noch nicht einmal über den Antrag der Klägerin auf [X.] entschieden hatte. Jedoch ist die Klage gemäß § 75 Satz 1 Alt. 2 VwGO zulässig.

Erst mit dem während des gerichtlichen Verfahrens ergangenen Bescheid vom 28. Februar 2020 hat der Beklagte der Klägerin die begehrte [X.] ab dem 1. November 2019 gewährt und sie für den davorliegenden Zeitraum abgelehnt. Das vorprozessuale Schreiben des Beitragsservice von [X.], [X.] und [X.] vom 9. November 2018 stellt keine Ablehnung des Antrags der Klägerin in Gestalt eines Verwaltungsakts dar. Das Berufungsgericht hat diese Frage offengelassen, so dass der [X.] den Inhalt des Schreibens selbständig auslegen kann (vgl. BVerwG, Urteile vom 16. Dezember 1971 - 2 [X.] 36.69 - [X.] 232 § 32 [X.] Nr. 18 S. 4 sowie vom 9. Dezember 2015 - 9 [X.] 28.14 - [X.] 406.11 § 131 BauGB Nr. 126 Rn. 24 m. w. N.). Auszugehen ist hierbei von den [X.] und des Verwaltungszustellungsrechts für den [X.] vom 19. Mai 2010 (SächsGVBl., [X.] ff.), das durch Art. 3 des Gesetzes vom 12. Juli 2013 (SächsGVBl., S. 503 ff.) - [X.] - geändert worden ist. Die in § 2 Abs. 3 dieses Gesetzes enthaltene Bereichsausnahme für die Tätigkeit des [X.] greift nicht, da sie nach ständiger Rechtsprechung des [X.] nur den Kernbereich der Rundfunkfreiheit umfasst, nicht aber Bereiche, in denen - wie hier - die Rundfunkanstalt typische Verwaltungstätigkeiten ausübt ([X.], Urteil vom 17. Dezember 2015 - 3 A 582/14 - juris Rn. 13 ff. m. w. N.). An diese Auslegung des Landesrechts ist der [X.] gebunden (§ 173 Satz 1 VwGO i. V. m. § 560 ZPO). Nach der gesetzlichen Definition des § 1 [X.] i. V. m. § 35 Satz 1 VwVfG ist ein Verwaltungsakt jede Verfügung, Entscheidung oder andere hoheitliche Maßnahme, die eine Behörde zur Regelung eines Einzelfalls auf dem Gebiet des öffentlichen Rechts trifft und die auf unmittelbare Rechtswirkung nach außen gerichtet ist. Ob ein Verwaltungshandeln diese Merkmale erfüllt, hängt maßgeblich von der Ausgestaltung des zugrundeliegenden materiellen Rechts ab (BVerwG, Beschluss vom 9. Oktober 1998 - 1 [X.] - [X.] 402.43 § 9 MRRG Nr. 1 S. 1 m. w. N.), das hier gemäß § 13 des [X.] vom 15. Dezember 2010 in der für die Beurteilung der Sach- und Rechtslage maßgeblichen, vom 25. Mai 2018 bis zum 30. April 2019 geltenden Fassung des 21. [X.] (SächsGVBl. 2018, [X.] ff. und [X.]) - [X.] - [X.] ist.

Bei dem vorprozessualen Schreiben vom 9. November 2018 handelt es sich um ein bloßes Mitteilungsschreiben, das keinen Regelungscharakter im Sinne des § 1 [X.] i. V. m. § 35 Satz 1 VwVfG aufweist. Nach seinem Erklärungsgehalt ist das Schreiben nicht darauf gerichtet, eine verbindliche Rechtsfolge zu setzen (zu dieser Voraussetzung: BVerwG, Urteile vom 29. April 1988 - 9 [X.] 54.87 - BVerwGE 79, 291 <293> und vom 5. November 2009 - 4 [X.] 3.09 - BVerwGE 135, 209 Rn. 15). Dafür müsste es für den Betroffenen rechtsverbindlich Rechte oder Pflichten begründen, inhaltlich ausgestalten, ändern, aufheben, feststellen oder einen derartigen Ausspruch rechtsverbindlich ablehnen (BVerwG, Urteil vom 21. Juni 2017 - 6 [X.] 3.16 - BVerwGE 159, 148 Rn. 12 m. w. N.). Hingegen beinhaltet das Schreiben nach dem objektivierten Maßstab des [X.] lediglich eine rechtliche Einschätzung zum Fehlen der tatbestandlichen Voraussetzungen des [X.]sanspruchs. Eine Aussage dazu, dass aus diesem Grund die beantragte [X.] - als Rechtsfolge - abgelehnt wird, trifft das Schreiben nicht. Dies bestätigt die äußere Form dieses Schreibens, das weder als "Bescheid" bezeichnet wird noch eine Rechtsbehelfsbelehrung enthält.

Ist danach die Klage zum Zeitpunkt der Klageerhebung im Dezember 2019 gemäß § 75 Satz 1 Alt. 2 VwGO zulässig gewesen, bleibt der Klägerin diese Vergünstigung erhalten, ohne dass der verspätet ergangene Ablehnungsbescheid vom 28. Februar 2020 hieran etwas ändert. Der während des Verfahrens erlassene Bescheid ist in das Verfahren einbezogen worden. Weiterer Verfahrenshandlungen der von der Ablehnung betroffenen Klägerin bedurfte es nicht (vgl. BVerwG, Beschluss vom 27. September 2021 - 10 B 4.20 - [X.] 310 § 138 Ziff. 1 VwGO Nr. 55 Rn. 8 m. w. N.). Wenn das Verwaltungsgericht bei einer Untätigkeitsklage - wie hier - nicht nach § 75 Satz 3 VwGO verfährt, mithin keine Frist für eine Bescheidung festsetzt und das gerichtliche Verfahren solange aussetzt, ist die Klage ohne Rücksicht darauf zulässig, ob gegen den nachträglich erlassenen Ablehnungsbescheid Widerspruch eingelegt worden ist. Nur bei einer (ablehnenden) Bescheidung innerhalb einer vom Gericht bestimmten Frist nach § 75 Satz 3 VwGO ist eine gerichtliche Sachentscheidung erst nach der Durchführung des Widerspruchsverfahrens zulässig (BVerwG, Urteile vom 13. Januar 1983 - 5 [X.] 114.81 - BVerwGE 66, 342 <344>, vom 4. Juni 1991 - 1 [X.] 42.88 - BVerwGE 88, 254 <255 f.> und vom 21. Dezember 1995 - 3 [X.] 24.94 - BVerwGE 100, 221 <224> m. w. N.).

2. Allerdings geht das angefochtene Urteil zu Unrecht davon aus, dass die Verpflichtungsklage unbegründet ist. Vielmehr ist die Ablehnung der [X.] vor dem 1. November 2019 durch den Bescheid des Beklagten vom 28. Februar 2020 rechtswidrig und verletzt die Klägerin in ihren Rechten (§ 113 Abs. 5 Satz 1 VwGO). Die Klägerin hat einen Anspruch auf [X.] von der Beitragspflicht für ihre Zweitwohnung in [X.] im Zeitraum vom 18. Juli 2018 bis zum 30. April 2019. Der gegenteiligen Würdigung des [X.] liegt ein zu enges Verständnis der - nach § 13 [X.] revisibles Recht betreffenden - Übergangsregelung im Urteil des [X.] vom 18. Juli 2018 - 1 BvR 1675/16 u. a. - zugrunde. Hierauf beruht das angefochtene Urteil (§ 137 Abs. 1 VwGO).

Die zum maßgeblichen Zeitpunkt der Sach- und Rechtslage geltenden Bestimmungen des [X.] enthalten keinen [X.]statbestand für Inhaber von Zweitwohnungen. Zutreffend hat das Berufungsgericht deshalb in der Übergangsregelung im Urteil des [X.] vom 18. Juli 2018 - 1 BvR 1675/16 u. a. - ([X.] 149, 222) die einzig in Betracht kommende Anspruchsgrundlage für die von der Klägerin begehrte [X.] gesehen.

Das [X.] hat in diesem Urteil entschieden, dass die [X.] und Zustimmungsbeschlüsse der Länder zu Art. 1 des [X.] zur Änderung rundfunkrechtlicher Staatsverträge vom 15. Dezember 2010, soweit sie § 2 Abs. 1 [X.] in Landesrecht überführen, mit Art. 3 Abs. 1 GG insoweit unvereinbar sind, als Inhaber mehrerer Wohnungen über den Beitrag für eine Wohnung hinaus zur Leistung von Rundfunkbeiträgen herangezogen werden. Der [X.], der den Vorteil der individuellen Nutzungsmöglichkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks abgelte, werde zwar in grundsätzlich nicht zu beanstandender Weise anknüpfend an die [X.] erhoben. Die dabei entstehenden Ungleichheiten erreichten nicht eine solche Qualität oder ein solches Ausmaß, dass sie verfassungsrechtlich zu beanstanden wären. Allerdings verstoße die Beitragsbemessung insoweit gegen den Grundsatz der Belastungsgleichheit, als ein [X.] auch für die Inhaberschaft von Zweitwohnungen erhoben werde. Soweit Wohnungsinhaber nach dem zur Prüfung gestellten Regelungsgefüge für eine Wohnung schon zur Leistung eines [X.]s herangezogen worden seien, sei der Vorteil bereits abgegolten. Dieselbe Person dürfe für die Möglichkeit der privaten Rundfunknutzung nicht zu insgesamt mehr als einem vollen Beitrag herangezogen werden ([X.], Urteil vom 18. Juli 2018 - 1 BvR 1675/16 u. a. - [X.] 149, 222 Rn. 73 ff.).

Gleichwohl hat das [X.] angeordnet, dass das geltende [X.]srecht vorübergehend fortgelten soll, allerdings in modifizierter Weise: Das bisherige Recht ist bis zu einer Neuregelung mit der Maßgabe weiter an[X.]dbar, dass ab dem Tag der Verkündung jenes Urteils bis zum Inkrafttreten einer Neuregelung diejenigen Personen, die nachweislich als Inhaber einer Wohnung ihrer [X.]spflicht nach § 2 Abs. 1 und 3 [X.] nachkommen, auf Antrag von einer Beitragspflicht für weitere Wohnungen zu befreien sind. Ist über Rechtsbehelfe noch nicht abschließend entschieden, kann ein solcher Antrag rückwirkend für den Zeitraum gestellt werden, der Gegenstand des jeweils angegriffenen [X.] ist. Die Gesetzgeber hat es verpflichtet, spätestens zum 30. Juni 2020 eine Neuregelung zu treffen ([X.], Urteil vom 18. Juli 2018 - 1 BvR 1675/16 u. a. - [X.] 149, 222 <224 im Tenor zu 2 und 3>).

Bei dieser Übergangsregelung handelt es sich um eine modifizierte Fortgeltungsanordnung, die das [X.] - obschon im Urteil nicht ausdrücklich so bezeichnet - auf der Grundlage von § 35 [X.]G getroffen hat. Ihr kommt gemäß § 31 [X.]G Bindungswirkung zu (a.). Der Inhalt der übergangsweise geltenden Regelung ist aus dem Urteil selbst zu bestimmen (b.). Ausgehend hiervon erweist sich die Annahme des [X.], die Anordnung gewähre einem Ehepartner, der eine Nebenwohnung innehat, keinen Anspruch auf [X.] von der [X.]spflicht, [X.]n der andere Ehegatte den [X.] für die gemeinsam bewohnte Hauptwohnung entrichte, als fehlerhaft. Vielmehr sind Inhaber weiterer Wohnungen auf Antrag von der [X.]spflicht zu befreien, ohne dass es darauf ankommt, auf welchen Namen das Beitragskonto einer von mehreren Wohnungsinhabern bewohnten Hauptwohnung bei der Rundfunkanstalt geführt wird (c.).

a. Das [X.] hat auf der Grundlage von § 35 [X.]G die Befugnis, für eine Übergangszeit die Weitergeltung einer für unvereinbar mit dem Grundgesetz erklärten Norm - auch mit inhaltlichen Modifizierungen - anzuordnen. Es trifft von Amts wegen, somit unabhängig von Anträgen oder Anregungen, alle Anordnungen, die erforderlich sind, um seinen ein Verfahren abschließenden Sachentscheidungen Geltung zu verschaffen ([X.], Beschluss vom 21. März 1957 - 1 BvB 2/51 - [X.] 6, 300 <303>). Das Gericht ist insbesondere befugt, über die bloße Anordnung der Fortgeltung eines als verfassungswidrig erkannten Rechts hinaus die materielle Rechtslage jenseits einer kassatorischen Entscheidung übergangsweise positiv gestaltend zu regeln (vgl. [X.], Beschlüsse vom 5. März 1991 - 1 [X.], 24/88 - [X.] 84, 9 <21 ff.> und vom 24. Mai 1995 - 2 [X.] - [X.] 93, 37 <85>; Urteil vom 30. Juli 2008 - 1 BvR 3262/07 u. a. - [X.] 121, 317 <376 ff.>; [X.], in: [X.]/[X.]/[X.], [X.]G, 2. Aufl. 2022, § 31 Rn. 82; [X.], in: ebd., § 35 Rn. 18 m. w. N.). Hiervon hat das [X.] in seinem Urteil vom 18. Juli 2018 Gebrauch gemacht, indem es die um einen [X.]statbestand ergänzte befristete Fortgeltung der rundfunkbeitragsrechtlichen Regelungen angeordnet hat. Die bundesverfassungsgerichtliche Übergangsregelung entfaltet gemäß § 31 [X.]G eine über den Einzelfall hinausgehende Bindungswirkung für alle Behörden und Gerichte (vgl. BVerwG, Urteil vom 13. Dezember 2006 - 6 A 3.05 - [X.] 452.00 § 14 [X.] Nr. 5 Rn. 26).

b. Der Inhalt einer Übergangsregelung ist aus dem bundesverfassungsgerichtlichen Urteil selbst zu bestimmen. Denn eine Vollstreckungsanordnung nach § 35 [X.]G bleibt ein Akt der Rechtsprechung und wird nicht selbst zu einem Gesetz (vgl. [X.], in: [X.]/[X.]/[X.], [X.]G, 2. Aufl. 2022, § 31 Rn. 73). Die Heranziehung der für Rechtsnormen geltenden Auslegungsregeln kommt deswegen nicht in Betracht. Vielmehr sind Art, Maß und Inhalt einer Vollstreckungsanordnung abhängig vom Inhalt der zu vollstreckenden Sachentscheidung sowie von den konkreten Verhältnissen, unter denen diese umzusetzen ist ([X.], Beschlüsse vom 21. März 1957 - 1 BvB 2/51 - [X.] 6, 300 <303 f.> und vom 29. April 2021 - 2 BvR 1651/15, 2006/15 - [X.] 158, 89 Rn. 76).

Auch [X.]n eine Vollstreckungsanordnung ausschließlich auf die Durchsetzung der Sachentscheidung ausgerichtet ist und dadurch begrenzt wird ([X.], Beschlüsse vom 21. März 1957 - 1 BvB 2/51 - [X.] 6, 300 <303 f.> und vom 29. April 2021 - 2 BvR 1651/15, 2006/15 - [X.] 158, 89 Rn. 77 m. w. N.), schließt dies Pauschalierungen des [X.] bei der Schaffung von Übergangsregelungen nicht aus. Eine typisierende Betrachtung ist dem [X.] im Rahmen des § 35 [X.]G nicht verwehrt (vgl. [X.], Urteil vom 30. Juli 2008 - 1 BvR 3262/07 u. a. - [X.] 121, 317 <376 f.>). Dem [X.] ist auch unbenommen, bei der Schaffung einer Übergangsregelung an maßstabsbildende Entscheidungen des Gesetzgebers in ähnlichen Fallgestaltungen anzuknüpfen (vgl. [X.], Beschluss vom 24. November 1998 - 2 BvL 26/91 u. a. - [X.] 99, 300 <304, 321 f., 331 f.> m. w. N.; BVerwG, Urteil vom 22. März 2018 - 2 [X.] 20.16 - BVerwGE 161, 297 Rn. 23 ff.). Eine pauschalierende Übergangsregelung gewährleistet umfassend, den festgestellten Verfassungsverstoß zu vermeiden. Hinzu kommt weiter, dass [X.] in dem Zeitraum bis zu einer Neuregelung durch den Gesetzgeber Rechnung getragen werden kann, [X.]n eine Zwischenregelung mit geringerem Verwaltungsaufwand umzusetzen ist. Überdies reduziert eine für die Verwaltung handhabbare und für die Bürger überschaubare Übergangslösung auch die Wahrscheinlichkeit, dass es in dem [X.] zu Fehlentscheidungen kommt, die den Anlass für neue Rechtsstreitigkeiten bieten könnten. Der daraus resultierende Übergriff auf den Kompetenzbereich des Gesetzgebers ist hinnehmbar, [X.]n die Übergangsregelungen - dem Verhältnismäßigkeitsprinzip folgend - erforderlich sind, namentlich um einen sonst drohenden noch verfassungswidrigeren Zustand abzu[X.]den (Burmeister, in: [X.], [X.]G, 2018, § 35 Rn. 13). Zudem wird der Übergriff dadurch abgemildert, dass das [X.] die Vollstreckungsanordnung unter größtmöglicher Schonung des aktuellen gesetzgeberischen Willens trifft und dessen Regelungskonzept so weit als möglich erhält (vgl. [X.], Beschluss vom 24. Mai 1995 - 2 [X.] - [X.] 93, 37 <85> und Urteil vom 30. Juli 2008 - 1 BvR 3262/07 u. a. - [X.] 121, 317 <376> m. w. N.).

c. In An[X.]dung dieses Maßstabs zur Bestimmung des Inhalts einer vom [X.] getroffenen Anordnung erweist sich das berufungsgerichtliche Verständnis des [X.]statbestandes im Urteil des [X.] vom 18. Juli 2018 - 1 BvR 1675/16 u. a. - als zu eng. Inhaber mehrerer Wohnungen sind aufgrund dieser Übergangsregelung auf Antrag von der [X.]spflicht zu befreien. Unerheblich ist hierfür, auf welchen Namen das Beitragskonto einer von mehreren Wohnungsinhabern bewohnten Hauptwohnung bei der Rundfunkanstalt geführt wird. Die verfassungsgerichtliche Übergangsregelung ist wegen ihres Wortlauts (aa.) und aus Gründen der [X.] (bb.) weit zu verstehen. Darüber hinaus hängt es oftmals vom Zufall ab, wer bei mehreren Wohnungsinhabern der Anzeigepflicht des § 8 Abs. 1 Satz 1 [X.] nachkommt, deren Erfüllung durch einen [X.]ner gemäß § 8 Abs. 3 [X.] auch für die übrigen [X.]ner der Wohnung wirkt ([X.]). Wird ein weites Verständnis zugrundegelegt, gewährleistet die Übergangsregelung umfassend, dass Inhaber mehrerer Wohnungen nicht über einen vollen Beitrag hinaus in Anspruch genommen werden und damit der vom [X.] festgestellte Verstoß gegen den aus Art. 3 Abs. 1 GG abgeleiteten Grundsatz der Belastungsgleichheit vermieden wird.

Hiervon unberührt bleibt der Gestaltungsspielraum der Gesetzgeber bei einer Neuregelung, die diese mit den Änderungen des 23. [X.] zum 1. Juni 2020 in § 4a [X.] [X.] getroffen haben (SächsGVBl. 2020 S. 195 ff. und S. 329).

aa. Nach dem Wortlaut der Übergangsregelung sind diejenigen Personen auf Antrag von einer Beitragspflicht für weitere Wohnungen zu befreien, die nachweislich als Inhaber einer Wohnung ihrer [X.]spflicht nach § 2 Abs. 1 und 3 [X.] nachkommen. Das Verb "nachkommen" wird in der Entscheidung des [X.] nicht näher erläutert. Nach seinem Wortsinn beschreibt "nachkommen" die Erfüllung oder Vollziehung desjenigen, was ein anderer von einem wünscht oder verlangt ([X.], [X.], 9. Aufl. 2019). Das Gewünschte oder Verlangte wird in der übergangsweise geltenden Regelung klar bezeichnet: Es ist die "[X.]spflicht nach § 2 Absatz 1 und 3 des [X.]", der nachweislich nachgekommen werden muss. Das Verb "nachkommen" wird allein auf die in § 2 Abs. 1 und 3 [X.] normierte Beitragspflicht bezogen.

Nach § 2 Abs. 1 [X.] ist im privaten Bereich für jede Wohnung von deren Inhaber ([X.]ner) ein [X.] zu entrichten. § 2 Abs. 3 Satz 1 [X.] bestimmt, dass mehrere [X.]ner als Gesamtschuldner entsprechend § 44 der Abgabenordnung - [X.] - haften. Jeder schuldet den [X.] in voller Höhe. Dieser ist insgesamt aber nur einmal zu bezahlen, weil jede Zahlung auch für die übrigen [X.]ner wirkt (sogenannte Erfüllungswirkung, § 44 Abs. 1 Satz 2, Abs. 2 Satz 1 [X.]). Mit diesem Regelungssystem hat das [X.] die von ihm statuierte [X.]sregelung verknüpft. Dagegen lassen seine Ausführungen nicht erkennen, dass es für die Inanspruchnahme der [X.]sregelung für weitere Wohnungen auf die Frage ankommt, welcher [X.]ner sich in einer von mehreren gemeinsam bewohnten Hauptwohnung bei der Rundfunkanstalt nach § 8 [X.] angemeldet hat.

Die Inbezugnahme des § 2 Abs. 3 [X.] lässt - anders als das Berufungsgericht meint - erkennen, dass das [X.] seine Übergangsregelung auch für Mehrpersonenhaushalte getroffen hat. Der konkrete Fall einer Einzelperson, die Inhaber einer Haupt- und einer Nebenwohnung ist, bot für die Nennung des § 2 Abs. 3 [X.] keinen Anlass. Die Verweisung auf § 2 Abs. 3 [X.] in der Übergangsregelung ist daher so zu verstehen, dass es dem [X.] insbesondere auch auf die Erfüllungswirkung im Gesamtschuldverhältnis ankam. Sie tritt unmittelbar mit der Erfüllung der [X.] durch einen Schuldner ein (vgl. § 44 Abs. 1 Satz 2, Abs. 2 Satz 1 [X.]). In Mehrpersonenhaushalten kommen die verschiedenen [X.]ner ihrer jeweils bestehenden Beitragspflicht schon dadurch nach, indem sie dafür Sorge tragen, dass einer von ihnen die für die Wohnung geschuldete [X.] erfüllt. Mehr verlangt das Regelungsregime des § 2 Abs. 1 und 3 [X.] nicht von ihnen.

bb. Das nach dem Wortlaut der von dem [X.] getroffenen Anordnung naheliegende Verständnis wird durch Gründe der [X.] gestützt.

Das [X.] hat ausgeführt, die Gesetzgeber könnten bei einer Neuregelung die gleichheitswidrige Beitragsbelastung von Inhabern mehrerer Wohnungen dadurch beseitigen, dass sie eine antragsgebundene [X.] von der Beitragspflicht vorsähen oder auf andere Weise sicherstellten, dass [X.] nicht mit insgesamt mehr als einem vollen [X.] belastet würden, etwa durch eine Beschränkung der Beitragspflicht auf [X.]. In der erstgenannten Hinsicht stünden den Gesetzgebern zwei Modelle zur Verfügung. Sie könnten die [X.] von einem Nachweis der Anmeldung von Erst- und Zweitwohnung als solche abhängig machen, um Verwaltungsschwierigkeiten zu vermeiden. Sie könnten sich aber auch im Sinne einer engeren Lösung dahingehend verständigen, für solche Zweitwohnungsinhaber von einer [X.] abzusehen, die die Entrichtung eines vollen [X.]s für die Erstwohnung durch sie selbst nicht nachwiesen. Für die von ihm getroffene Anordnung ist das [X.] von einer antragsgebundenen [X.] ausgegangen ([X.], Urteil vom 18. Juli 2018 - 1 BvR 1675/16 u. a. - [X.] 149, 222 Rn. 111, 155). Es drängt sich auf, dass es dabei dasjenige Modell im Blick gehabt hat, das in der Übergangszeit Verwaltungsschwierigkeiten vermeidet, weil nicht geprüft werden muss, durch [X.] der Beitrag für die Hauptwohnung gezahlt wird.

[X.] Darüber hinaus kommt für das Verständnis der vom [X.] geschaffenen Übergangsregelung auch dem Umstand Bedeutung zu, dass es oftmals vom Zufall abhängt, wer bei mehreren Wohnungsinhabern der Anzeigepflicht des § 8 Abs. 1 Satz 1 [X.] nachkommt, deren Erfüllung durch einen [X.]ner gemäß § 8 Abs. 3 [X.] auch für die übrigen [X.]ner der Wohnung wirkt. Denn es war bislang - abgesehen von [X.]en und Ermäßigungen nach § 4 Abs. 1 und 2 [X.], die sich auf bestimmte weitere Wohnungsinhaber erstrecken (§ 4 Abs. 3 [X.]) - rechtlich unerheblich, auf welchen Namen das Beitragskonto bei der Rundfunkanstalt geführt wird. Im Zusammenhang mit der Umstellung des [X.] auf das [X.]srecht im Jahre 2013 sind in großem Umfang frühere Gebührenkonten der Gebühreneinzugszentrale ohne inhaltliche Änderungen als Beitragskonten fortgeführt worden (vgl. § 14 Abs. 3 [X.]). In dem Massengeschäft des [X.]srechts kam dem Umstand, wer von mehreren Bewohnern einer Wohnung nach außen gegenüber der Rundfunkanstalt auftritt, keine Bedeutung zu. Vor diesem Hintergrund wäre anzunehmen gewesen, dass das [X.] deutlich zu erkennen gegeben hätte, [X.]n diesem formalen Umstand bei der Übergangsregelung ausschlaggebendes Gewicht beizumessen wäre. Hierfür gibt es im Urteil keine Anhaltspunkte.

Soweit die Vertreter des Beklagten im Termin zur mündlichen Verhandlung erklärt haben, (auch) denjenigen [X.] die [X.] gewährt zu haben, die zumindest nach Erlass des Urteils des [X.] eine Ummeldung des [X.] der gemeinsam mit anderen bewohnten Hauptwohnung auf ihren Namen veranlasst hätten, führt auch dies nicht zu einer anderen Bewertung. Vielmehr verstärken sich die aufgezeigten Bedenken, weil ein solches Verständnis der Übergangsregelung dazu führen würde, dass die Gewährung der [X.] allein davon abhängig gemacht würde, ob zumindest nach Erlass des Urteils von dieser formalen Gestaltungsmöglichkeit Gebrauch gemacht worden ist. Es erscheint ausgeschlossen, dass das [X.] ein solches Verständnis seiner Übergangsregelung beabsichtigt hat.

Der inzwischen geltende [X.]statbestand in § 4a [X.] [X.], mit dem der Gesetzgeber für die Rechtslage ab dem 1. Juni 2020 von seinem Gestaltungsspielraum Gebrauch gemacht hat, gibt für die Deutung der zuvor geltenden bundesverfassungsgerichtlichen [X.]sregelung nichts her.

Das Urteil kann auch nicht nach § 144 Abs. 4 VwGO auf Grund anderer Erwägungen aufrecht erhalten bleiben. Der [X.] kann in der Sache selbst entscheiden (vgl. § 144 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 VwGO). Nach den nicht angegriffenen tatsächlichen Feststellungen des [X.] ist der Ehemann der Klägerin im streitgegenständlichen Zeitraum vom 18. Juli 2018 bis zum 30. April 2019 der [X.]spflicht für die gemeinsame Hauptwohnung in [X.]. nachgekommen. Die Klägerin erfüllt daher in Bezug auf ihre Nebenwohnung in [X.] für diesen Zeitraum die tatbestandlichen Voraussetzungen der richterrechtlichen [X.]sregelung. Sie ist vom Beklagten insoweit von der [X.]spflicht zu befreien.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 1 VwGO.

Meta

6 C 7/21

25.01.2023

Bundesverwaltungsgericht 6. Senat

Urteil

Sachgebiet: C

vorgehend Sächsisches Oberverwaltungsgericht, 27. Mai 2021, Az: 5 A 499/20, Urteil

Zitier­vorschlag: Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 25.01.2023, Az. 6 C 7/21 (REWIS RS 2023, 1991)

Papier­fundstellen: REWIS RS 2023, 1991

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Die hier dargestellten Entscheidungen sind möglicherweise nicht rechtskräftig oder wurden bereits in höheren Instanzen abgeändert.

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