Bundesgerichtshof, Beschluss vom 12.08.2021, Az. 1 StR 162/21

1. Strafsenat | REWIS RS 2021, 3340

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Gegenstand

Vergewaltigung: Tatrichterliche Beweiswürdigung bei Abweichung zwischen der Aussage des Belastungszeugin in der Hauptverhandlung und derjenigen im Ermittlungsverfahren


Tenor

1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des [X.] vom 21. Januar 2021, soweit er verurteilt wurde, aufgehoben. Der Angeklagte wird auch insoweit freigesprochen.

2. Die weiteren Kosten des Verfahrens und die weiteren dem Angeklagten entstandenen notwendigen Auslagen fallen der Staatskasse zur Last. Die Nebenklägerin trägt ihre notwendigen Auslagen auch insoweit selbst.

3. Die Entscheidung über die Entschädigung des Angeklagten wegen erlittener Strafverfolgungsmaßnahmen bleibt dem [X.] vorbehalten.

Gründe

1

Das [X.] hatte den Angeklagten im ersten Rechtsgang wegen Vergewaltigung in zwei Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt. Nach Aufhebung des Urteils mit den Feststellungen durch Senatsbeschluss vom 18. März 2020 (1 [X.]) hat die dann zuständige [X.] den Angeklagten wegen Vergewaltigung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt (erster [X.]) und ihn vom zweiten angeklagten Tatvorwurf - einer am Tag nach der ersten Tat begangenen weiteren Vergewaltigung der Nebenklägerin - freigesprochen.

2

Die gegen seine Verurteilung gerichtete, auf die Rüge einer Verletzung sachlichen Rechts gestützte Revision des Angeklagten führt zur Aufhebung des Urteils und zum Freispruch insgesamt.

3

Die Verurteilung hat keinen Bestand. Der Angeklagte ist aus tatsächlichen Gründen freizusprechen.

4

1. Der neben dem rechtskräftigen Teilfreispruch vom Vorwurf einer Vergewaltigung am 16. August 2018 ergangene Schuldspruch wegen Vergewaltigung (Geschehen am 15. August 2018) wird von der Beweiswürdigung nicht getragen.

5

a) Das [X.] hat sich die Überzeugung von der Tatbegehung durch den Angeklagten am Abend des 15. August 2018 - einer Vergewaltigung seiner Ehefrau, der Nebenklägerin, im Wohnzimmer der gemeinsamen Wohnung (erster [X.]) - allein aufgrund der Angaben der Nebenklägerin im Ermittlungsverfahren und deren Verhaltens in der Hauptverhandlung des zweiten [X.] gebildet. Dies bildet hier keine ausreichende Grundlage für eine Verurteilung des Angeklagten.

6

aa) Steht Aussage gegen Aussage und hängt damit die Entscheidung allein davon ab, welcher Aussage das Gericht Glauben schenkt, müssen die Urteilsgründe für das Revisionsgericht nachvollziehbar erkennen lassen, dass der Tatrichter alle Umstände, die die Entscheidung beeinflussen können, erkannt und in seine Überlegungen einbezogen hat (st. Rspr.; vgl. etwa [X.], Urteil vom 17. November 1998 - 1 [X.] Rn. 18, [X.]St 44, 256, 257; Beschluss vom 5. November 1997 - 3 [X.] Rn. 2 mwN, [X.]R StGB § 176 Abs. 1 Beweiswürdigung 3). Es bedarf insoweit - dies hat auch das [X.] nicht verkannt - einer besonders sorgfältigen Würdigung der Aussage des Belastungszeugen, insbesondere einer genauen Inhaltsanalyse, einer Prüfung der Entstehungsgeschichte der belastenden Aussage, einer Bewertung des feststellbaren Aussagemotivs sowie einer Prüfung von [X.], Detailliertheit und Plausibilität der Angaben (st. Rspr.; vgl. nur [X.], Urteil vom 13. Oktober 2020 - 1 [X.] Rn. 8; Beschluss vom 19. Mai 2020 - 2 StR 7/20 Rn. 4 mwN; vgl. dazu auch [X.] in [X.], 4. Aufl., § 261 Rn. 39).

7

Hält der einzige Belastungszeuge in der Hauptverhandlung seine ursprünglich erhobenen Vorwürfe zumindest teilweise nicht aufrecht, so dass insoweit ein Freispruch ergeht, ist das Tatgericht zwar nicht von vornherein gehindert, seine Überzeugung auf den aufrechterhaltenen Teil der Aussage des Zeugen zu stützen; regelmäßig müssen aber in einem solchen Fall - insbesondere, wenn eine bewusst falsche Aussage nicht ausgeschlossen werden kann - außerhalb der Zeugenaussage liegende gewichtige Gründe festgestellt werden, wenn das Tatgericht der Aussage im Übrigen folgen will ([X.], Urteile vom 23. Mai 2006 - 5 [X.] Rn. 10; vom 13. Januar 2005 - 4 [X.] Rn. 20; vom 29. Juli 1998 - 1 StR 94/98 Rn. 15, [X.]St 44, 153, 159 und vom 17. November 1998 - 1 [X.] Rn. 18, [X.]St 44, 256, 257; Beschluss vom 27. November 2017 - 5 StR 520/17 Rn. 6 mwN; vgl. auch [X.] in [X.], aaO; [X.], [X.], 26. Aufl., § 261 Rn. 83c). Derartige „[X.]“ sind für eine tragfähige Beweiswürdigung erforderlich, weil die Glaubhaftigkeit der Angaben des Zeugen in einem solchen Fall insgesamt schwerwiegend in Frage gestellt ist ([X.] in [X.] aaO; [X.] aaO). Dies gilt auch dann, wenn die Abweichung zwischen der Aussage in der Hauptverhandlung und derjenigen im Ermittlungsverfahren besteht; denn auch in einem solchen Fall ist die Glaubhaftigkeit der Angaben des Zeugen im Regelfall erschüttert.

8

bb) An diesen Maßgaben gemessen hätte das [X.] hier eine Überzeugung nur dann auf die Aussage der Nebenklägerin stützen dürfen, wenn es außerhalb ihrer Aussage liegende Umstände, die den Tatvorwurf bestätigen, festgestellt hätte. Denn die Nebenklägerin hat, nachdem sie sich im ersten Rechtsgang auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht berufen und ihr Einverständnis mit der Verwertung ihrer den Angeklagten hinsichtlich beider angeklagter Taten belastenden Angaben erklärt hatte, im zweiten Rechtsgang mitgeteilt, dass ihr das landgerichtliche Urteil des ersten [X.] am Vortag erstmals übersetzt worden sei und sie in diesem Zuge erkannt habe, dass der darin vom [X.] ausgeurteilte Tatvorwurf einer Vergewaltigung am 16. August 2018 nicht zutreffe; tatsächlich habe der Angeklagte von seinem an diesem Tag geäußerten Ansinnen, Geschlechtsverkehr mit ihr ausüben zu wollen, Abstand genommen, nachdem sie ihren entgegenstehenden Willen deutlich zum Ausdruck gebracht habe. Auf Frage der [X.], wie die anderslautenden Angaben im Ermittlungsverfahren zu den Geschehnissen am 16. August 2018 zu erklären seien, teilte die Nebenklägerin mit, dass sie möglicherweise die Ereignisse „durcheinandergebracht“ beziehungsweise Details „mit früheren Erlebnissen verwechselt“ habe ([X.] 25).

9

Hinsichtlich des ersten [X.] hat die Nebenklägerin demgegenüber zu verstehen gegeben, dass dieser zutreffe. Dies schließt die [X.] allerdings allein aus folgendem Umstand: Während die Nebenklägerin zu dem Vorgeschehen der Tat am 15. August 2018 Angaben gemacht hat, die mit denjenigen im Ermittlungsverfahren in Einklang standen, hat sie den eigentlichen Vergewaltigungsvorgang am 15. August 2018 nicht mehr geschildert. Sie „öffnete“ nur noch „mehrfach den Mund, um etwas zu sagen“ ([X.] 40), brachte aber nichts heraus und erklärte - nach dem Eindruck der [X.] ersichtlich emotional aufgewühlt -, über die Sache nicht noch einmal reden zu können, weil sie so schlimm für sie sei.

Eine plausible Begründung für den „Bruch in der [X.] der Angaben der Nebenklägerin“ ([X.] 35) hat die Kammer nicht finden können. Auf den nicht widerrufenen Teil der von der Nebenklägerin ursprünglich gegen den Angeklagten erhobenen Beschuldigungen hätte das [X.] eine Verurteilung daher nur stützen dürfen, wenn es weitere außerhalb ihrer Aussage liegende gewichtige Gründe angeführt hätte, die für den Wahrheitsgehalt der polizeilichen Aussage der Nebenklägerin hierzu sprechen. Derartige Gründe hat die [X.] indes nicht festgestellt. Tragfähige Gründe, welche die Richtigkeit der Angaben der Nebenklägerin stützen könnten, liegen insbesondere nicht darin, dass das [X.] die Einlassung des Angeklagten für in Teilen unplausibel und daher unwahr gehalten hat. Ebenso wenig ergeben sich derartige Gründe aus der Erwägung des [X.]s, dass die Nebenklägerin keinen Grund gehabt habe, ihre bisherigen Angaben zum zweiten Tatvorwurf in Kenntnis der mit einem solchen [X.] verbundenen Risiken eigener Strafverfolgung einerseits und eines vollständigen Freispruchs des Angeklagten andererseits zu revidieren, an denjenigen zum ersten Tatvorwurf indes festzuhalten, wenn die Angaben insgesamt unwahr gewesen wären. Dies gilt insbesondere deshalb, weil das [X.] mangels nachvollziehbaren Grundes für die vollständige Abkehr der Nebenklägerin von ihren Aussagen zum Kernbereich des zweiten [X.]es im Ermittlungsverfahren nicht einmal ausschließen konnte, dass die Nebenklägerin zum zweiten Vergewaltigungsvorwurf im Ermittlungsverfahren bewusst gelogen hat.

Nicht tragfähig ist weiter, dass das [X.] seine Überzeugung auf den persönlichen Eindruck von der Nebenklägerin in der Hauptverhandlung gestützt und daneben maßgeblich darauf abgestellt hat, dass ein Falschbelastungsmotiv der Nebenklägerin nicht erkennbar sei und deren [X.] in der Gesamtbetrachtung dafür spreche, dass sich das Geschehen am 15. August 2018 so zugetragen habe, wie von ihr im Ermittlungsverfahren geschildert. Denn die Erwägungen zum Fehlen eines Falschbelastungsmotivs der Nebenklägerin und weitere vom [X.] im Rahmen der [X.] angeführte Gesichtspunkte, wie etwa die Aussagegenese, der Detailreichtum der Aussagen oder die Schilderung eigener Gefühle durch die Nebenklägerin, galten gleichermaßen für die frühere - von der Nebenklägerin im zweiten Rechtsgang revidierte - Darstellung des Geschehens am 16. August 2018 (zweiter - freigesprochener - [X.]). Insoweit hat die Nebenklägerin aber gerade eingeräumt, dass dieser Tatvorwurf nicht der Wahrheit entspricht. Es fehlt mithin an einer tragfähigen Grundlage für eine Verurteilung.

b) Der Senat schließt aus, dass ein neues Tatgericht weitere Feststellungen treffen könnte, die eine Verurteilung des Angeklagten wegen des nach dem rechtskräftigen Teilfreispruch noch verbliebenen [X.] noch tragen könnten. Er spricht den Angeklagten daher selbst gemäß § 354 Abs. 1 [X.] frei.

2. Die Kostenentscheidung beruht auf § 467 Abs. 1 [X.].

3. Der Senat hat die Entscheidung über die Entschädigung des Angeklagten für die erlittene Untersuchungshaft und etwaige andere Eingriffsmaßnahmen (§§ 8, 2 StrEG) dem Tatgericht überlassen; dieses hat Art und Dauer der einzelnen Maßnahmen zu bestimmen (vgl. [X.], Beschlüsse vom 20. Mai 2021 - 3 StR 302/20 Rn. 24 mwN und vom 25. Oktober 2001 - 1 [X.] Rn. 10).

Jäger     

        

Bär     

        

Hohoff

        

Leplow     

        

Pernice     

        

Meta

1 StR 162/21

12.08.2021

Bundesgerichtshof 1. Strafsenat

Beschluss

Sachgebiet: StR

vorgehend LG Augsburg, 21. Januar 2021, Az: 407 Js 130556/18 (2) - 1 KLs

§ 261 StPO

Zitier­vorschlag: Bundesgerichtshof, Beschluss vom 12.08.2021, Az. 1 StR 162/21 (REWIS RS 2021, 3340)

Papier­fundstellen: REWIS RS 2021, 3340

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Die hier dargestellten Entscheidungen sind möglicherweise nicht rechtskräftig oder wurden bereits in höheren Instanzen abgeändert.

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