Bundesgerichtshof, Entscheidung vom 25.01.2017, Az. StB 28/14

3. Strafsenat | REWIS RS 2017, 16625

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ECLI:DE:BGH:2017:260117BSTB26.14.0

BUNDESGERICHTSHOF

BESCHLUSS

StB 26 und 28/14
vom
26. Januar 2017
Nachschlagewerk:
ja
BGHSt:

nein
Veröffentlichung:
ja

___________________________________

BKAG §
20v Abs.
2 Satz
2, §
20w Abs.
2 Satz
2;
StPO §
101 Abs.
7 Satz
2;
EGGVG §
23 Abs.
1

Für den nachträglichen Rechtsschutz gegen bereits erledigte verdeckte polizei-liche Überwachungsmaßnahmen zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus nach §§
20g bis
20n BKAG ist nicht der ordentliche, sondern aus-schließlich der Verwaltungsrechtsweg eröffnet; das gilt auch, wenn wegen des zugrundeliegenden Sachverhalts ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren ge-führt wird und somit gemäß §
20w Abs.
2 Satz
2 BKAG die Benachrichtigung der von diesen Überwachungsmaßnahmen betroffenen Personen durch die Strafverfolgungsbehörde entsprechend den Vorschriften des Strafverfahrens-rechts durchzuführen ist.

BGH, Beschluss vom 26.
Januar 2017 -
StB 26 und 28/14 -
OLG Düsseldorf

-
2
-

in dem Strafverfahren
gegen

1.
2.

wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung
hier:
Antrag auf Feststellung der Rechtswidrigkeit von Ermittlungsmaßnahmen

-
3
-
Der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat am 26. Januar 2017
beschlossen:
1.
Die Beschwerden der Verurteilten gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Düsseldorf vom 13.
November 2014 wer-den verworfen.
2.
Jeder Beschwerdeführer hat die Kosten seines Rechtsmittels zu tragen.

Gründe:
A.

Im November 2010 leitete das Bundeskriminalamt zur Abwehr einer Ge-fahr des internationalen Terrorismus (§
4a BKAG) den Vorgang "EG Komet" ein. Hintergrund waren Hinweise, dass die terroristische Vereinigung Al-Qaida Anschläge in Berlin und einer weiteren unbekannten deutschen Großstadt plan-te. Als einen der potenziellen Attentäter machte das Bundeskriminalamt

K.

aus. Die in der Folge auf Grundlage des Bundeskriminal-amtgesetzes durchgeführten Ermittlungen umfassten zahlreiche verdeckte Überwachungsmaßnahmen und richteten sich unter anderem gegen die Be-schwerdeführer.

Im April 2011 regte das Bundeskriminalamt aufgrund der Ergebnisse der bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich präventiv-polizeilich geführten Ermittlun-gen gegenüber dem Generalbundesanwalt an, gegen

K.

und die Be-1
2
-
4
-
schwerdeführer ein Ermittlungsverfahren -
soweit es diese betraf -
wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung (§
129a Abs.
1, §
129b StGB) einzuleiten. Hierauf nahm der Generalbundes-anwalt am 15.
April 2011 die Ermittlungen auf. Im Zeitraum vom 19.
April bis zum 6. Mai 2011 wurden gegen die Beschwerdeführer diverse weitere heimli-che Ermittlungsmaßnahmen -
nunmehr auf strafverfahrensrechtlicher Grundla-ge -
angeordnet und sodann durchgeführt. Wegen der Einzelheiten zu diesen und den zuvor auf Grundlage des Bundeskriminalamtgesetzes vollzogenen Überwachungsmaßnahmen, von denen die Beschwerdeführer betroffen waren, wird auf die jeweiligen Schreiben des Generalbundesanwalts vom 13.
September und 1.
Oktober 2012 Bezug genommen.

Im April 2012 erhob der Generalbundesanwalt unter anderem gegen die Beschwerdeführer und

K.

Anklage zum Oberlandesgericht Düsseldorf
-
soweit es die Beschwerdeführer betraf -
wegen des Vorwurfs der Mitglied-schaft in der ausländischen terroristischen Vereinigung Al-Qaida.

Der Generalbundesanwalt hat die Beschwerdeführer jeweils mit Schrei-ben vom 13.
September 2012
über die gegen sie angeordneten und durchge-führten verdeckten strafprozessualen Ermittlungsmaßnahmen unterrichtet und auf die Möglichkeit nachträglichen Rechtsschutzes hingewiesen. Die Benach-richtigungen sind dem Beschwerdeführer C.

am 28. September 2012 und dem Beschwerdeführer S.

am 9. Oktober 2012 zugestellt worden. Jeweils mit Schriftsatz ihrer Verteidiger haben sie am 10. Oktober 2012 die umfassen-de Überprüfung der Rechtmäßigkeit der Anordnung der in den Benachrichti-gungsschreiben aufgeführten Ermittlungsmaßnahmen sowie der Art und Weise ihres Vollzugs beantragt. Am 1. Oktober 2012 hat der Generalbundesanwalt die Beschwerdeführer zusätzlich über die auf Grundlage des Bundeskriminalamt-3
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5
-
gesetzes durchgeführten heimlichen Überwachungsmaßnahmen -
mit Aus-nahme einer Wohnraumüberwachung, über die der Generalbundesanwalt ge-sondert informiert hat -
unterrichtet. Diese Benachrichtigung ist C.

am 17.
Oktober 2012 zugestellt worden; wann die Zustellung an S.

bewirkt worden ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Beide Beschwerdeführer haben auch insoweit jeweils mit Schriftsatz ihrer Verteidiger am 26.
Oktober 2012 (C.

) bzw. 30.
Oktober
2012 (S.

) die Überprüfung der Rechtmäßigkeit der betroffenen Anordnungen sowie der Art und Weise ihres Vollzugs bean-tragt.

Das Oberlandesgericht hat die Beschwerdeführer am 13.
November 2014 wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Mit Beschluss vom selben Tag hat es festgestellt, dass die im Rahmen der -
zunächst präventiv-polizeilich und später repressiv ausgerichteten -
Ermittlungen ergangenen Beschlüsse des Ermittlungsrichters des Bundesgerichtshofs und des Amtsgerichts Wiesbaden, die Anordnungen des Generalbundesanwalts sowie die Eilanordnungen des zuständigen Abteilungsleiters des Bundeskriminalamts zu den verdeckten Maßnahmen rechtmäßig gewesen seien; zur Begründung hat es im Wesent-lichen auf die jeweiligen Gründe der angegriffenen Entscheidungen Bezug ge-nommen. Hinsichtlich der Art und Weise ihres Vollzugs hat das Oberlandesge-richt die Rechtswidrigkeit festgestellt, soweit die Beschwerdeführer erst mit Schreiben des Generalbundesanwalts vom 13.
September und 1.
Oktober 2012 von den Maßnahmen benachrichtigt worden seien. Diese seien bis Mitte Juli 2011 vollzogen worden; ausgehend hiervon genügten die erst im Septem-ber und Oktober 2012 vorgenommenen Unterrichtungen auch unter Berück-sichtigung des mit ihnen verbundenen Arbeitsaufwands nicht den Anforderun-gen des §
101 Abs.
5 Satz
1 StPO (i.V.m. §
20w Abs. 2 BKAG).
5
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6
-

Gegen den Beschluss vom 13.
November 2014 -
soweit nicht antrags-gemäß die Rechtswidrigkeit festgestellt
worden ist -
wenden sich die Verurteil-ten mit ihren am 17.
November (C.

) und am 20.
November 2014 (S.

) eingelegten sofortigen Beschwerden.

Auf die Anträge der Beschwerdeführer hat der Senat die Beschwerde-verfahren zunächst bis zum Abschluss des bei ihm anhängigen Revisionsver-fahrens ausgesetzt. Nachdem er mit Beschluss vom 5.
Mai 2016 die Revisio-nen der Beschwerdeführer gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf vom 13.
November 2014 verworfen hatte, hat er am 14.
Juli 2016 die Fortset-zung der Beschwerdeverfahren beschlossen.

B.

Die Beschwerden sind unzulässig, soweit sie sich gegen die Entschei-dung des Oberlandesgerichts in Bezug auf die nach dem Bundeskriminalamt-gesetz vollzogenen Überwachungsmaßnahmen richten; im Übrigen sind
die Beschwerden zulässig, in der Sache jedoch ohne Erfolg.

I. Soweit der angefochtene Beschluss die Rechtmäßigkeit der nach dem Bundeskriminalamtgesetz angeordneten Ermittlungsmaßnahmen sowie die Art und Weise ihres Vollzugs zum Gegenstand hat, ist die hiergegen gerichtete Beschwerde unzulässig. Für den Rechtsschutz gegen diese bereits erledigten Maßnahmen der Gefahrenabwehr ist nicht der ordentliche, sondern ausschließ-lich der Verwaltungsrechtsweg eröffnet. Insoweit ist der Senat im Beschwerde-verfahren zwar an die in dem angefochtenen Beschluss enthaltene Rechts-6
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7
-
wegentscheidung gebunden; indes fehlt es an weiteren Zulässigkeitsvorausset-zungen für die Beschwerde. Im Einzelnen:

1. Für den nachträglichen Rechtsschutz gegen die (erledigten) Über-wachungsmaßnahmen nach den §§
20g ff. BKAG ist gemäß §
40 Abs. 1
Satz 1 VwGO der Verwaltungsrechtsweg eröffnet (BVerfG, Urteil vom
20.
April 2016 -
1 BvR 966/09 u.a., BVerfGE 141, 220, 321; Ruthig in
Schenke/Graulich/Ruthig, Sicherheitsrecht des Bundes, §
20v
BKAG Rn.
3). Der Rechtsstreit ist öffentlich-rechtlicher Natur, nichtverfassungsrechtlicher Art und auch keinem anderen Gericht ausdrücklich zugewiesen. Näherer Erörte-rung bedarf insoweit lediglich das Nichtbestehen einer abdrängenden Sonder-zuweisung an die ordentliche Gerichtsbarkeit.

a) Die Rechtmäßigkeit der Anordnung der in den §§
20g ff. BKAG gere-gelten heimlichen Informationseingriffe sowie der Art und Weise ihres Vollzugs ist nicht in dem Verfahren nach §
101 Abs.
7 Satz 2 StPO zu überprüfen. Taug-licher Gegenstand dieses Verfahrens sind ausschließlich die in §
101 Abs. 1 StPO aufgeführten strafprozessualen Ermittlungsmaßnahmen; der Katalog ist abschließend (BGH, Beschluss vom 4.
August 2015 -
3 StR 162/15, NStZ 2015, 704, 705).

Auch das Bundeskriminalamtgesetz sieht für den Rechtsschutz gegen eine rechtswidrige Überwachung nicht das Verfahren des §
101 Abs. 7 Satz 2 StPO vor. Eine derartige Verweisung folgt insbesondere nicht aus §
20w Abs. 2 Satz
2 BKAG. Zwar dient die Vorschrift der Gewährleistung eines effektiven (nachträglichen) Rechtsschutzes für die von den Maßnahmen nach den §§
20g bis 20n BKAG betroffenen Personen (vgl. BVerfG, Urteil vom 20.
April 2016
-
2 BvR 966/09 u.a., BVerfGE 141, 220, 282 ff., 320; Nomos-BR/Kugelmann 10
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8
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BKAG §
20w
Rn.
1; Ruthig in Schenke/Graulich/Ruthig, Sicherheitsrecht des Bundes, §
20w BKAG Rn.
1) und bestimmt vor diesem Hintergrund, dass die Benachrichtigung der in §
20w Abs. 1 Satz 1 BKAG genannten Personen durch die Strafverfolgungsbehörden nach den Vorschriften des Strafverfahrensrechts durchzuführen ist. Daraus ergibt sich lediglich die Anwendbarkeit der Vorschrif-ten über die Benachrichtigung der von den verdeckten Ermittlungsmaßnahmen betroffenen Personen gemäß §
101 Abs.
4 bis Abs. 7 Satz 1 StPO, nicht aber auch die Eröffnung des gerichtlichen Verfahrens nach §
107 Abs.
7 Satz 2 StPO. Dem steht nicht entgegen, dass sich die Verweisung in §
20w Abs.
2 Satz
2 BKAG auch auf die Pflicht der Strafverfolgungsbehörden zum Hinweis auf die Möglichkeit nachträglichen Rechtsschutzes bezieht (§
101 Abs. 4 Satz 2 StPO), welcher für die in §
101 Abs. 1 StPO genannten Maßnahmen allein durch das in Absatz 7 der Vorschrift geregelte Verfahren gewährleistet wird (vgl. BGH, Beschluss vom 8.
Oktober 2008 -
StB 12 -
15/08, BGHSt
53, 1, 3 f.). Nach seinem Regelungszusammenhang ist §
20w Abs.
2 Satz 2 BKAG Be-standteil der Vorschriften über die Benachrichtigungspflichten der Exekutivbe-hörden (vgl. BT-Drucks. 16/10121, S.
37
ff.; BVerfG, Urteil vom 20.
April 2016
-
1
BvR 966/09 u.a., BVerfGE 141, 220, 319
f.); diese Regelungen formen aus-schließlich das Benachrichtigungsverfahren aus, nicht aber auch das -
nach dem Zweck der Informationspflichten diesem erst nachfolgende -
gerichtliche Rechtsschutzverfahren. Soweit §
20w Abs.
3 BKAG gerichtliche Zuständigkei-ten bestimmt, betrifft dies ebenfalls ausschließlich die Zurückstellung der Be-nachrichtigung und damit das Benachrichtigungsverfahren. Auch die Geset-zesmaterialien geben keinen Anhalt, dass der Gesetzgeber, der §
20w BKAG in enger Anlehnung an §
101 Abs. 4 bis 6 StPO formuliert hat (vgl. BVerfG, Urteil vom 20.
April 2016 -
2 BvR 966/09 u.a., BVerfGE 141, 220, 320), über die Kodi-fizierung der Informationspflichten hinaus das gerichtliche Rechtsschutzverfah-ren ausgestalten wollte.
-
9
-

Eine analoge Anwendung von §
107 Abs.
7 Satz 2 StPO kommt nicht in Betracht. Angesichts der Möglichkeit für die Betroffenen, gemäß §
40 Abs. 1 Satz
1 VwGO den Verwaltungsrechtsweg zu beschreiten, besteht bereits keine Regelungslücke.

b) Auch §
20v Abs. 2 Satz 2 BKAG eröffnet für die Beschwerdeführer, soweit sie sich gegen die vor Einleitung des strafrechtlichen Ermittlungsverfah-rens getroffenen präventiv-polizeilichen Überwachungsmaßnahmen wenden, nicht den ordentlichen Rechtsweg.

aa) Danach gelten für das Verfahren, soweit gerichtliche Entscheidungen nach dem Unterabschnitt 3a des zweiten Abschnitts des Bundeskriminalamtge-setzes zu treffen sind, "die Bestimmungen des Gesetzes über die Angelegen-heiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit entsprechend". Aufgrund dieser Anknüp-fung an gerichtliche Entscheidungen nach dem Unterabschnitt 3a kann die Re-gelung -
ungeachtet der sonstigen hieraus folgenden Konsequenzen für den nachträglichen Rechtsschutz der durch die polizeilichen Maßnahmen Betroffe-nen -
keine Rechtswegzuweisung zu den ordentlichen Gerichten begründen, soweit sich der Betroffene gegen Maßnahmen wendet, die keinem Richtervor-behalt unterliegen. Von den durch die Beschwerdeführer angegriffenen Maß-nahmen betrifft dies hinsichtlich des Beschwerdeführers S.

-
die Anordnung des zuständigen Abteilungsleiters des Bundeskrimi-nalamts vom 23. Dezember 2010 (längerfristige Observation und Einsatz tech-nischer Mittel),
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10
-
-
die Anordnungen des zuständigen Abteilungsleiters des Bundeskrimi-nalamts vom 12. Januar, 22. Februar und 21. März 2011 (Einsatz technischer Mittel zur Observation),

-
die Anordnung des zuständigen Abteilungsleiters des Bundeskrimi-nalamts vom 10. Januar 2011 (Abhören und Aufzeichnen des nichtöffentlich gesprochenen Wortes in dem Pkw Suzuki Swift),

-
die Anordnung des zuständigen Abteilungsleiters des Bundeskrimi-nalamts vom 1. April 2011, schriftlich abgefasst am 2. April 2011 (Abhören und Aufzeichnen des nichtöffentlich gesprochenen Wortes in dem Pkw Renault Clio), und

-
die Anordnung des zuständigen Abteilungsleiters des Bundeskrimi-nalamts vom 11. Januar 2011 (Abhören und Aufzeichnen des nichtöffentlich gesprochenen Wortes in dem Pkw Mercedes Sprinter).

Hinsichtlich des Beschwerdeführers C.

gilt dies bezüglich der An-ordnungen des zuständigen Abteilungsleiters des Bundeskriminalamts vom 10.
Januar 2011 (Abhören und Aufzeichnen des nichtöffentlich gesprochenen Wortes in dem Pkw Suzuki Swift) und vom 27.
März 2011 (längerfristige Obser-vation und Einsatz technischer Mittel).

bb)
Auch hinsichtlich der dem Richtervorbehalt unterliegenden Maßnah-men nach dem Unterabschnitt 3a des zweiten Abschnitts des Bundeskriminal-amtgesetzes eröffnet §
20v Abs. 2 BKAG nicht den nachträglichen Rechts-schutz gegen die (erledigten) heimlichen Überwachungsmaßnahmen der §§
20g ff. BKAG (vgl. iE BVerfG, Urteil vom 20.
April 2016 -
1 BvR 966/09 u.a., 16
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-
11
-
BVerfGE 141, 220, 321; ebenso
Ruthig in Schenke/Graulich/Ruthig, Sicher-heitsrecht des Bundes, §
20v BKAG Rn.
3; aA Brodowski, Verdeckte techni-sche Überwachungsmaßnahmen im Polizei-
und Strafverfahrensrecht, S. 70 Fn.
256 i.V.m. S.
332). Soweit in Rechtsprechung und Literatur demgegenüber zu anderen polizeirechtlichen Regelungen, in denen hinsichtlich des Verfahrens der richterlichen Anordnung auf die Vorschriften der freiwilligen Gerichtsbarkeit verwiesen wird, die Auffassung vertreten wird, dass gegen diese Maßnahmen auch im Fall ihrer Erledigung der Rechtsschutz der Betroffenen in dem Verfah-ren nach den Vorschriften über die freiwillige Gerichtsbarkeit -
auch in Bezug auf Art und Weise des Vollzugs der polizeilichen Maßnahmen -
zu verwirklichen sei (OLG Düsseldorf, Beschlüsse vom 15. Mai 2012 -
3 Wx 96/12, juris Rn. 8 [zu § 42 Abs. 1 PolG NW]; vom 8. Februar 2002 -
3 Wx 357/01,
JR 2002, 424 [zu §
31 PolG NW]; OVG Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 24. April
2009 -
1
L 124/08, NJW 2009, 2695, 2696 [zu §
18 Abs. 1 BbgPolG]; Bro-dowski, Verdeckte technische Überwachungsmaßnahmen im Polizei-
und Strafverfahrensrecht, S. 70 Fn.
256 i.V.m. S.
332; Lisken/Denninger/
Rachor, HdB d. PolizeiR, 5. Aufl., Abschnitt L Rn.
40 f., 45; Schoch/Schneider/Bier/Ehlers/Schneider, VwGO, 32. EL, §
40 Rn.
619, 615 ff.; differenzierend Eyermann/Rennert, VwGO, 14. Aufl., §
40 Rn.
135 mwN), ver-mag sich der Senat dem jedenfalls für die auf §§
20g ff. BKAG beruhenden heimlichen Überwachungsmaßnahmen nicht anzuschließen (zu anderen Poli-zeigesetzen ebenso OVG Münster, Urteil vom 25. Februar 1992 -
5 A 2200/90, NJW 1992, 2172 [zu § 20 PolG NW aF]; VG Oldenburg, Urteil vom 6.
Juni 2012 -
11 A 3099/12, NVwZ-RR 2012, 721, 722 [zu §§
25, 19 Nds SOG]; Schenke in Schenke/Graulich/Ruthig, Sicherheitsrecht des Bundes, §
46 BPolG Rn.
4; vgl. auch Ruthig, ZJS 2011, 63, 69). Hiergegen sprechen die Besonderheiten der verdeckten polizeilichen Maßnahmen der §§
20g ff. BKAG und die aus der -
12
-
Rechtsweggarantie des Art.
19 Abs. 4 GG folgenden Anforderungen an einen effektiven Rechtsschutz. Im Einzelnen:

(1) Für den Fall, dass gerichtliche Entscheidungen nach dem Unterab-schnitt
3a des zweiten Abschnitts des Bundeskriminalamtgesetzes zu treffen sind, regelt §
20v Abs.
2 Satz
2 BKAG, dass sich das Verfahren nach den Be-stimmungen des Gesetzes über die Angelegenheiten der freiwilligen Gerichts-barkeit (FGG) richtet. Diese Verweisung ist entgegen dem Wortlaut der Norm dahin auszulegen, dass für das gerichtliche Verfahren die Vorschriften des Ge-setzes über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG) gelten. Das FGG ist schon
mit Ablauf des 31.
August 2009 außer Kraft
getreten und durch das FamFG ersetzt worden. In der Folge hat der Gesetzgeber bereits die §
20v Abs. 2 Satz 2 BKAG entspre-chenden Verweisungen in §
15 Abs.
5 Satz
3 und §
23 Abs.
3 Satz
6 BKAG an die neue Rechtslage angepasst und die Verfahrensvorschriften des FamFG in Bezug genommen. Angesichts dessen ist davon auszugehen, dass die unter-bliebene Änderung des §
20v Abs.
2 Satz
2 BKAG -
ebenso wie die des §
15a Abs.
1 Satz
9 BKAG -
auf einem gesetzgeberischen Versehen beruht. Insbe-sondere geben auch die Gesetzesmaterialien keine Anhaltspunkte dafür, dass der Gesetzgeber zwischen den verschiedenen Verfahrensordnungen differen-zieren wollte. Angesichts der Gesetzesanpassungen in §
15 Abs. 5 Satz 3 und §
23 Abs. 3 Satz 6 BKAG steht der -
für sich betrachtet eindeutige Wortlaut der Bundesvorschrift -
einem Verständnis von §
20v Abs.
2 Satz
2 BKAG im hier beschriebenen Sinne nicht entgegen (iE ebenso Nomos-BR/Kugelmann BKAG §
20v Rn.
1). Dem widerspricht nicht, dass der Senat zu den landesrechtlichen Regelungen in §
22 Abs.
8 Satz 2 SächsPolG und §
24 Abs.
1 Satz 3 BbgPolG eine "korrigierende" Auslegung verneint hat (BGH, Beschlüsse
vom 7.
Dezember 2010 -
StB 21/10, NJW 2011, 690; vom 1.
März 2011 -
StB 28/10, 18
-
13
-
BGHR BbgPolG §
24 Abs.
1 Rechtsmittelweg
1). In den dortigen Fällen ließ sich ein eindeutiger Wille des Landesgesetzgebers nicht feststellen, dass
"dynamisch" die jeweiligen Verfahrensvorschriften über die Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit in Bezug genommen sein sollten. Zudem be-standen die Gesetzgebungskompetenz des Landes betreffende Besonderhei-ten im Hinblick auf die bundesrechtliche Öffnungsklausel des §
40 Abs.
1 Satz
2 VwGO. Der Senat bemerkt allerdings, dass für den Gesetzgeber Anlass besteht, die bislang unterbliebene redaktionelle Änderung von §
15a Abs. 1 Satz 9, §
20v Abs.
2 Satz
2 BKAG nachzuholen.

(2) Nach den Regelungen des FamFG wäre der gebotene nachträgliche Rechtsschutz für die von den polizeilichen Maßnahmen betroffenen Personen nur unzureichend umgesetzt, weil sich hieraus Rechtswegspaltungen ergeben, die sich mit den Anforderungen an einen effektiven Rechtsschutz nicht in Ein-klang bringen lassen und auch dem Sinn und Zweck der Benachrichtigungs-pflichten (§
20w BKAG) widersprechen.

Während die von den polizeilichen Maßnahmen betroffene Zielperson die richterliche Anordnung nach den §§
58 ff. FamFG überprüfen lassen könn-te, wäre sie -
wie bereits dargelegt und ungeachtet der Frage, ob die Be-schwerdemöglichkeit auch die Überprüfung von Art und Weise des Vollzugs der Maßnahme einschließen würde (vgl. zum Rechtsschutz gegen erledigte und bereits vollzogene Maßnahmen BVerfG, Beschluss vom 5.
Dezember 2001
-
2 BvR 527/99 u.a., NJW 2002, 2456) -
hinsichtlich der keinem Richtervorbe-halt unterliegenden Eingriffe auf den Verwaltungsrechtsweg verwiesen. Die Be-schwerde wäre daneben auch für diejenigen in §
20w Abs.
1 BKAG genannten Personen nicht eröffnet, deren Betroffenheit sich erst aus dem Vollzug der Maßnahme ergibt, so etwa die im Rahmen einer längerfristigen Observation 19
20
-
14
-
aufgrund ihres Kontakts mit der Zielperson mitüberwachte Person (§
20w Abs.
1 Nr.
1 BKAG) oder der Gesprächspartner der Zielperson im Rahmen ei-ner Telekommunikationsüberwachung (vgl. §
20w Abs.
1 Nr.
7 BKAG). Dies folgt aus §
59 Abs. 1 FamFG, wonach beschwerdeberechtigt nur ist, wessen Recht im Zeitpunkt der Entscheidung durch die Verfügung des Gerichts unmit-telbar nachteilig beeinträchtigt worden ist (Keidel/Meyer-Holz, FamFG, 19.
Aufl., §
59 Rn.
9 mwN; Schulte-Bunert/Weinreich/Unger/Roßmann, FamFG, 5.
Aufl., §
59 Rn.
15). Für die von den heimlichen Überwachungsmaßnahmen nur mit-telbar betroffenen Personen, deren Rechtsschutzbedürfnis der Gesetzgeber durch ihre Benennung im Katalog des §
20w Abs.
1 BKAG zum Ausdruck ge-bracht hat, ist daher nur der Verwaltungsrechtsweg eröffnet, um sich gegen unberechtigte Grundrechtseingriffe nachträglich zu Wehr zu setzen.

Diese Rechtswegspaltungen können im Einzelfall schwer zu durch-schauen sein, bergen aber jedenfalls die Gefahr widersprüchlicher Entschei-dungen in sich und widersprechen den Anforderungen an einen effektiven Rechtsschutz (vgl. insoweit BGH, Beschlüsse vom 7.
Dezember 1998 -
5
AR (VS) 2/98, BGHSt
44, 265, 267
ff.; vom 25.
August 1999 -
5
AR (VS) 1/99, BGHSt
45, 183, 186 f., jew. mwN zur Rspr. des BVerfG; zu §
101 Abs.
7 StPO s. auch BGH, Beschluss vom 8.
Oktober 2008 -
StB 12 -
15/08, BGHSt
53, 1, 4). Das gilt mit Blick auf den Anwendungsbereich des Bundeskriminalamtge-setzes umso mehr, als die Überwachungsmaßnahmen der §§
20g ff. BKAG der Abwehr von Gefahren des
internationalen Terrorismus dienen (§
4a Abs. 1, §
20a BKAG). Angesichts der in diesen Fällen häufig zu verzeichnenden Zu-sammenarbeit mehrerer Täter und deren Einbindung in terroristische Vereini-gungen sind die Überwachungsmaßnahmen regelmäßig -
wie hier -
Teil eines umfangreichen Ermittlungskomplexes und ergänzen sich gegenseitig. In derar-tigen Konstellationen ist es nicht ungewöhnlich, dass -
wie auch hier -
die Ver-21
-
15
-
dächtigen von einigen Überwachungsmaßnahmen unmittelbar, von anderen hingegen nur mittelbar betroffen sind.

Die danach erforderliche Gewährleistung eines einheitlichen Rechtswegs für den nachträglichen Rechtsschutz ist nicht durch eine erweiternde Auslegung der Vorschriften des FamFG umzusetzen. Dabei kann offen bleiben, ob es sich überhaupt überzeugend begründen ließe, die Beschwerdemöglichkeit auch auf die Art und Weise des Vollzugs der gerichtlich angeordneten Maßnahme (zur Parallelproblematik bei der gerichtlich angeordneten polizeilichen Ingewahr-samnahme vgl. etwa Ruthig, ZJS 2011, 63,
69) und die Drittbetroffenen zu er-strecken. Diese Lösung versagt jedenfalls im Hinblick auf die Überprüfung sol-cher Maßnahmen aus dem Katalog des §
20w Abs.
1 BKAG, die keinem Rich-tervorbehalt unterliegen und damit von vornherein nicht in den Anwendungsbe-reich des §
20v Abs.
2 BKAG fallen. Demgegenüber trägt das Verwaltungspro-zessrecht dem von der Verfassung geforderten nachträglichen Rechtsschutz mit der Möglichkeit der Feststellungs-
und Fortsetzungsfeststellungsklage, für die in den Fällen grundrechtsintensiver Eingriffe in der Regel ein Feststellungs-interesse anzuerkennen ist, angemessen Rechnung (BVerfG, Urteil vom 20.
April 2016 -
1 BvR 966/09 u.a., BVerfGE 141, 220, 321).

(3) Der Wortlaut des §
20v Abs.
2 Satz
2 BKAG steht diesem Verständ-nis der Verweisungsregelung nicht entgegen. Zum Rechtsschutz gegen erledig-te gerichtliche Entscheidung nach dem Unterabschnitt 3a des zweiten Ab-schnitts des Bundeskriminalamtgesetzes verhält sich die Regelung nicht aus-drücklich. Mangels entsprechender Einschränkung sind durch die Vorschrift im Übrigen zwar die allgemeinen Vorschriften des FamFG insgesamt und damit auch diejenigen über die Beschwerde in Bezug genommen. Die Beschwerde nach §
58 FamFG behält indes weiterhin eigenständige Bedeutung. Sie ist das 22
23
-
16
-
statthafte Rechtsmittel, wenn das Amtsgericht die Anordnung einer verdeckten Ermittlungsmaßnahme nach den §§
20g
ff. BKAG ablehnt oder sich der Be-schwerdeführer vor der Erledigung der polizeilichen Maßnahme gegen deren
-
weitere oder erstmalige -
Vollziehung wendet.

(4) Soweit der Senat in früheren Entscheidungen der Vorschrift des §
20v Abs.
2 Satz
2 BKAG ähnliche landesrechtliche Regelungen dahin ausge-legt hat, dass sie den Rechtsweg zu den ordentlichen Gerichten auch nach Er-ledigung der angegriffenen Maßnahme eröffnen (vgl. BGH,
Beschlüsse vom 7.
Dezember 2010 -
StB 21/10, NJW 2011, 690 [§
22 Abs.
8 Satz 2 SächsPolG aF]; vom 1.
März 2011 -
StB 28/10, BGHR BbgPolG §
24 Abs.
1 Rechtsmittel-weg
1 [§
24 Abs.
1 Satz
2 BbgPolG aF]), bedarf es keiner Entscheidung, ob hieran festzuhalten ist. In den entschiedenen (landesrechtlich geregelten) Konstellationen waren Rechtswegspaltungen nicht in gleichem Maße wie bei den Maßnahmen nach den §§
20g
ff. BKAG zu besorgen.

c) Schließlich ergibt sich auch aus §
23 Abs.
1 EGGVG keine abdrän-gende Sonderzuweisung im Sinne von §
40 Abs. 1 Satz 1 VwGO für die ge-richtliche Überprüfung der gegenständlichen Überwachungsmaßnahmen. Bei den von den Beschwerdeführern angegriffenen, auf Grundlage des Bundeskri-minalamtgesetzes vollzogenen Eingriffsmaßnahmen handelt es sich nicht um Regelungen im Bereich der -
von den in §
23 EGGVG umfassten Sachgebieten hier allein in Betracht kommenden -
Strafrechtspflege. Hierunter fällt nicht die vorbeugend-gefahrenabwehrrechtliche Bekämpfung von Straftaten (st. Rspr.;
vgl. etwa BVerwG, Beschluss vom 18.
Mai 2011 -
6 B 1/11, NVwZ-RR 2011, 710; Schoch/Schneider/Bier/Ehlers/Schneider, VwGO, 32.
EL, §
40 Rn.
604).

24
25
-
17
-
2. In dem angefochtenen Beschluss des Oberlandesgerichts liegt aller-dings zugleich eine Entscheidung über die Eröffnung des Rechtswegs. Hieran ist der Senat für das weitere Beschwerdeverfahren gebunden, §
17a Abs.
5 GVG. Die Bindung betrifft indes lediglich den Rechtsweg und die sachliche so-wie örtliche Zuständigkeit des Ausgangsgerichts (BT-Drucks. 11/7030, S.
38); die weiteren Zulässigkeitsvoraussetzungen hat das Rechtsmittelgericht in eige-ner Kompetenz zu überprüfen (vgl. KK-Barthe, StPO, 7.
Aufl., §
17b GVG Rn.
3; Kissel/Mayer, GVG, 8.
Aufl., §
17 Rn.
43). Dabei hat das Rechtsmittelge-richt
ebenso wie das durch eine bindende Verweisung zuständig gewordene Gericht (hierzu Kissel/Mayer, GVG, 8.
Aufl., §
17a Rn.
1 i.V.m. §
17 Rn.
48; Schoch/Schneider/Bier/Ehlers, 32.
EL,
GVG §
17a Rn.
19) den Rechtsstreit nach der Verfahrensordnung seiner Gerichtsbarkeit fortzuführen.

Nach den insoweit geltenden Maßstäben sind die Beschwerden unzu-lässig, soweit sie sich gegen die auf Grundlage des Bundeskriminalamtgeset-zes angeordneten und durchgeführten verdeckten Ermittlungsmaßnahmen rich-ten. Dabei bedarf es keiner Entscheidung über die anwendbare Verfahrensord-nung, nach der über die Zulässigkeit der Beschwerde zu entscheiden ist. Hierzu
gilt:

a) Bezöge man die aus §
17a Abs.
5 GVG folgende Bindungswirkung auch auf die von dem Ausgangsgericht zugrunde gelegte Verfahrensordnung, wären die Vorschriften der Strafprozessordnung anzuwenden, weil das Ober-landesgericht in seiner den Rechtsweg begründenden Entscheidung von einem strafprozessualen Verfahren ausgegangen ist. In diesem Fall wäre die Be-schwerde gemäß §
304 Abs.
4 Satz
2 Halbsatz
1 StPO unzulässig, weil diese gegen Beschlüsse der Oberlandesgerichte nur in den ausdrücklich geregelten Ausnahmefällen statthaft ist. An einer solchen Regelung fehlt es. Insbesondere 26
27
28
-
18
-
liegen die Voraussetzungen des §
304 Abs.
4 Satz
2 Halbsatz
2 Nr.
1 StPO nicht vor, da die von den Beschwerdeführern angegriffenen Maßnahmen -
wie dargelegt -
nicht in den Katalog des §
101 Abs.
1 StPO fallen. Dass den Be-schwerdeführern hierbei durch die Anwendbarkeit des §
17a Abs.
5 GVG eine Rechtsmittelmöglichkeit genommen wird, weil gegen eine verwaltungsgerichtli-che Entscheidung die Berufung möglich gewesen wäre, rechtfertigt keine dem ausdrücklichen Wortlaut widersprechende Auslegung von §
304 Abs.
4 StPO.

b) Sähe man die Vorschriften der StPO als nicht anwendbar an, weil die auf Grundlage des Bundeskriminalamtgesetzes angeordneten polizeilichen Maßnahmen nicht strafprozessualer Natur waren und die Bindungswirkung des §
17a Abs.
5 GVG im Hinblick auf die anzuwendende Verfahrensordnung keine Aussage trifft (so wohl hinsichtlich der Bindungswirkung nach §
17a Abs.
2 GVG OLG Karlsruhe, Beschluss vom 18.
April 2013 -
2
VAs 2/13 u.a., NJW 2013, 3738), könnten sich die Beschwerdeverfahren -
es handelt sich nicht um zivilrechtliche Streitigkeiten
-
entweder nach den Vorschriften des FamFG oder nach den Regelungen der §§
23
ff. EGGVG richten. Für beide Verfahrensarten wäre die Zuständigkeit des Bundesgerichtshofs nur im Rahmen der Rechtsbe-schwerde gegeben, deren Statthaftigkeit die -
hier nicht gegebene -
Zulassung durch das Oberlandesgericht voraussetzt (§
70 Abs.
1 FamFG, §
29 Abs.
1 EGGVG). Auch in diesem Rahmen könnte die hinsichtlich des Rechtswegs ab-weichende rechtliche Beurteilung durch das Oberlandesgericht ein Rechtsmittel zum Bundesgerichtshof abweichend von dem gesetzlich bestimmten Rechts-zug nicht statthaft machen (vgl. BGH, Beschluss vom 1.
März 2011 -
StB
28/10, BGHR BbgPolG §
24 Abs.
1 Rechtsmittelweg
1). Als Rechtsbeschwerden nach §
70 FamFG wären die Rechtsmittel der Beschwerdeführer
zudem auch des-halb unzulässig, weil sie entgegen §
10 Abs.
4 Satz
1 FamFG nicht von einem beim Bundesgerichtshof zugelassenen Rechtsanwalt eingelegt worden sind.
29
-
19
-

II. Die Beschwerden sind hingegen zulässig, soweit sie sich auf die in der angefochtenen Entscheidung aufgeführten strafprozessualen Ermittlungsmaß-nahmen beziehen. Insoweit sind sie in der Sache ohne Erfolg.

1. Die von den Beschwerdeführern angegriffenen Maßnahmen der Tele-kommunikationsüberwachung (Beschlüsse vom 19. April 2011 -
2 BGs 148/11, 2 BGs 150/11, 2 BGs 158/11 [nebst Erweiterung vom 23. April 2011, 2 BGs 179/11]; vom 20. April 2011 -
2 BGs 161/11, 2 BGs 162/11 [nebst Berichti-gungsbeschluss vom 21. April 2011, 2 BGs 164/11], 2 BGs 168/11, 2 BGs 169/11, 2 BGs 170/11) sind jeweils rechtmäßig angeordnet worden. Auch die Art und Weise des Vollzugs dieser Maßnahmen ist über die vom Oberlandes-gericht bereits festgestellten Verfahrensfehler hinaus nicht zu beanstanden. Hierzu gilt:

a) Die Maßnahmen setzten nach § 100a StPO in der damals geltenden Fassung zunächst voraus, dass bestimmte Tatsachen den Verdacht begrün-den, der Beschuldigte habe als Täter oder Teilnehmer eine Straftat nach §§
129, 129a StGB oder eine sonstige Katalogtat begangen. Die Norm verlangt danach -
insoweit in Übereinstimmung mit der heute geltenden Fassung -
kei-nen bestimmten Verdachtsgrad; der Tatverdacht muss daher insbesondere weder hinreichend im Sinne des § 203 StPO noch gar dringend im Sinne des §
112 Abs. 1 Satz 1 StPO sein. Vielmehr erfordert § 100a StPO nur
einen ein-fachen Tatverdacht, der allerdings auf bestimmten Tatsachen beruhen muss. Dabei sind mit Blick auf das Gewicht des in Rede stehenden Grundrechtsein-griffs Verdachtsgründe notwendig, die sich auf eine hinreichende Tatsachenba-sis stützen und mehr als nur unerheblich sind. Es müssen solche Umstände vorliegen, die nach der Lebenserfahrung, auch der kriminalistischen Erfahrung, 30
31
32
-
20
-
in erheblichem Maße darauf hindeuten, dass jemand als Täter oder Teilnehmer eine Katalogtat begangen hat; erforderlich ist, dass der Verdacht durch schlüs-siges Tatsachenmaterial bereits ein gewisses Maß an Konkretisierung und Verdichtung erreicht hat. Den die Maßnahme anordnenden Stellen steht bei der Prüfung des Tatverdachts ein Beurteilungsspielraum zu. Maßstab für die auf die Kontrolle der Rechtmäßigkeit beschränkte Prüfung nach §
101 Abs.
7 Satz
2 StPO ist insoweit, ob die genannten Stellen diesen Beurteilungsspiel-raum gewahrt oder überschritten haben. Die Tatsachengrundlage hierfür bietet der jeweilige damalige Ermittlungs-
und Erkenntnisstand (BGH, Beschlüsse vom 11.
März 2010 -
StB 16/09, NStZ 2010, 711 m. zahlr. w.N.; vom 11.
August 2016 -
StB 12/16, juris Rn.
9).

Ein nach diesen Maßstäben ausreichender Tatverdacht gegen die Be-schwerdeführer lag bei Anordnung der Überwachung und Aufzeichnung des Fernmeldeverkehrs einschließlich der damit verbundenen Übermittlung der Verkehrsdaten
durch die Beschlüsse des Ermittlungsrichters des Bundesge-richtshofs vom 19.
April (S.

) und 20. April 2011 (C.

) vor.

aa) Der damalige Ermittlungs-
und Erkenntnisstand stellte sich im We-sentlichen wie folgt dar:

(1) Die terroristische Vereinigung Al-Qaida wurde 1988 von Usama bin Laden und weiteren Islamisten gegründet. Sie verfolgt das Ziel, Gottesstaaten auf der Basis des islamischen Rechts zu errichten und den westlichen Einfluss in der islamischen Welt zu eliminieren. Zu diesem Zweck bekämpft Al-Qaida im Rahmen des sogenannten "Heiligen Krieges" (Jihad) die gesamte westliche Welt, vor allem die Vereinigten Staaten von Amerika
und Israel, sowie die als "Apostaten" titulierten pro-westlichen Regime in der muslimischen Welt mit Ter-33
34
35
-
21
-
rorakten. Den Jihad versteht Al-Qaida als individuelle Pflicht eines jeden recht-gläubigen Muslims zu gewaltsamen Aktionen gegen die den eigenen Glauben
und die Gemeinschaft der Gläubigen bedrohenden Feinde des Islam. Zur Um-setzung dieser Ideologie entwickelte Al-Qaida ab 1996 zentralisierte organisato-rische Strukturen und unterhielt vor allem in Afghanistan zahlreiche Lager zur Ausbildung des terroristischen Nachwuchses. Die in der Folgezeit von Al-Qaida durchgeführten Terroranschläge wie beispielsweise die Anschläge auf die US-amerikanischen Botschaften in Ostafrika am 7. August 1998 und die Terroran-schläge vom 11.
September 2001 wurden mit großer Sorgfalt und in jahrelan-ger Vorarbeit geplant.

Obwohl nach dem 11.
September 2001 die bisherigen Strukturen der Al-Qaida aufgrund der Militärintervention der Antiterrorallianz teilweise zerschla-gen wurden, besteht die Organisation mit ihrer Führungsspitze im
afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet und ihren zahlreichen nach dem 11.
September 2001 aus Afghanistan in deren Heimatländer zurückgekehrten und von dort operierenden Mitgliedern fort. Sie führt den Jihad nach einer Anpassung der Steuerungs-, Koordinations-
und Mobilisierungsmechanismen weiter. An der Spitze der Organisation standen in den Jahren 2010/2011 Usama bin Laden und Ayman Al Zawahiri. Die nachgeordneten Organisationsstrukturen bestan-den aus den Bereichen Militär, Außenbeziehungen/Operationen, Finanzen und Medien/Propaganda mit jeweils eigenen Führungspersönlichkeiten.

Al-Qaida ist nach ihrer inneren Struktur weiterhin auf die gemeinschaft-liche oder jedenfalls von der Organisation getragene Begehung von schwer-wiegenden Straftaten als Mittel zur Verwirklichung ihrer ideologischen Ziele an-gelegt. Die Handlungsfähigkeit der Kernorganisation und die Verwirklichung ihrer terroristischen Zielsetzung dokumentieren die nach dem 11.
September 36
37
-
22
-
2001 von ihren Mitgliedern verübten und unmittelbar auf die
Al-Qaida-Spitze zurückgehenden Anschläge und in die Wege geleiteten Anschlagsvorbereitun-gen. Diese zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass Al-Qaida an Pla-nungen für einmal gewählte Ziele trotz Rückschlägen oder Verzögerungen sehr lange festhält. Da Al-Qaida in den Jahren 2010/2011 die Führung in der Mei-nungsbildung im globalen Jihad beanspruchte, blieben spektakuläre Anschläge gegen westliche Einrichtungen und Interessen ein Kernziel dieser terroristi-schen Vereinigung.

Zu den hochrangigen Führungsmitgliedern gehörte im Jahr 2010 auch der für die Al-Qaida in Afghanistan verantwortliche Scheich Atiyatallah, der un-mittelbar an die Hierarchieebene um Usama bin Laden angebunden war und dem unter anderem Scheich Younis al-Mauritani unterstand, der seinerseits die Funktion eines "Außenministers" der Organisation innehatte und die Verantwor-tung für Angelegenheiten der Al-Qaida in Europa trug. Scheich
Atiyatallah hatte unter anderem in einem im September 2009 veröffentlichten Video im Kontext der bevorstehenden Bundestagswahl Drohungen gegen die Bundesrepublik Deutschland ausgesprochen.

(2) Im November 2010 teilte der sich in Waziristan, einer pakistanischen Grenzregion zu Afghanistan, aufhaltende und mutmaßlich der Vereinigung Al-Qaida zugehörige

E.

dem Bundeskriminalamt im Rahmen mehre-rer Telefonate mit, dass Al-Qaida operative Planungen vorantreibe, in Deutsch-land zwei Anschläge zu begehen. Die Planungen gingen von Scheich
Mahmoud aus, wobei die weiteren Angaben von E.

zu dessen Stellung darauf hindeuteten, dass es sich hierbei um Scheich
Atiyatallah handelte. Ein Anschlag sollte in Berlin stattfinden, der zweite in einer anderen Großstadt. Zu zwei potentiellen Attentätern konnte E.

Personenbeschreibungen abge-38
39
-
23
-
ben.

K.

stand im Verdacht, die von E.

als "

M.

" benann-te Person zu sein.

Der aus Marokko stammende

K.

war erstmals im Jahr 2001 nach Deutschland eingereist und hatte hier in den folgenden Jahren studiert. Anfang des Jahres 2010 hatte er sich in Waziristan aufgehalten, wo er Kontakt zu Al-Qaida-Mitgliedern hatte. Im Mai 2010 war er wieder nach Deutschland gereist. Gegenüber der Ausländerbehörde hatte er dabei seinen Aufenthalt in Waziris-tan verschwiegen und stattdessen wahrheitswidrig angegeben, er habe sich von März 2009 bis zum 13.
Mai 2010 aus familiären Gründen in Marokko auf-gehalten. In der Folgezeit hatte er Recherchen und Vorbereitungen für einen späteren Anschlag unternommen und hierzu die Beschwerdeführer
gewinnen können. Im Juli 2010 war

K.

aus Deutschland nach Marokko ausgewie-sen worden; S.

hatte ihn in der Folgezeit finanziell unterstützt. Ende
November 2010 reiste

K.

erneut nach Deutschland. In den folgenden Wochen hielt er sich in Düsseldorf auf. Im Internet recherchierte er nach Waf-fen, kugelsicheren Westen und Laborzubehör. Zudem lud er sich das Hand-buch "The Explosives Course" herunter, in dem unter anderem der Bau von Sprengsätzen beschrieben war, informierte sich über
die Verschärfungen der Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen und Bahnhöfen und besuchte die Inter-netseite sh.

, wo er die Rubrik "Wie man Terrorismus herstellt" aufrief. Vom 13.
Januar bis zum 20.
März 2011 hielt sich

K.

erneut in Marokko auf. Nach seiner Rückkehr in Deutschland betrieb er die Anschlagsvorbereitun-gen weiter. In der Wohnung S.

s fanden hierzu am 26.
März 2011 Erörte-rungen zwischen

K.

und beiden Beschwerdeführern statt, daneben auch zwischen

K.

und S.

am 1., 8. und 11.
April 2011. Über das Internet
recherchierte

K.

in diesem Zeitraum zudem nach chemischen Grundstof-40
-
24
-
fen für den Bau von Sprengsätzen;
ebenso suchte er am 9.
April 2011 Kontakt zu dem führenden Al-Qaida-Mitglied Scheich
Atiyatallah.

S.

unterstützte

K.

über die bereits dargestellten Tätigkeiten hinaus, indem er
ihn
nach dessen Wiedereinreise im März 2011 in seiner Woh-nung aufnahm. Auch C.

stand spätestens seit Sommer 2010 mit

K.

in Kontakt und half ihm bei den Anschlagsvorbereitungen. In diesem Zusam-menhang kommunizierten beide konspirativ miteinander. Unter anderem ver-sandte C.

am 26. August 2010 eine verschlüsselte Mobiltelefonnummer an

K.

. Diese Nummer nutzten

K.

und C.

später im Rahmen der Verabredung zu dem Treffen vom 26.
März 2011 in der Wohnung S.

s. Zu diesem Treffen brachte C.

eine Speicherkarte mit Verschlüsselungssoft-ware mit, was den Vorgaben von Al-Qaida zur verschlüsselten Kommunikation entsprach.

bb) Dieser Tatverdacht gründete sich auf die Tatsachen und Erkenntnis-se, die das Bundeskriminalamt im Rahmen der von ihm von November 2010 bis April 2011 durchgeführten Überwachungsmaßnahmen gewonnen hatte. Wegen der Einzelheiten hierzu nimmt der Senat Bezug auf die entsprechenden Ausführungen in den angegriffenen Entscheidungen des Ermittlungsrichters des Bundesgerichtshofs, insbesondere auf den beide Beschwerdeführer betref-fenden Beschluss vom 19.
April 2011 (2
BGs 149/11), und den Bericht des Bundeskriminalamts vom 12.
April 2011 über die Zusammenfassung des Er-mittlungsstandes zum 4.
April 2011.

Der näheren Erörterung bedarf lediglich, dass die vom Bundeskriminal-amt präventiv-polizeilich zusammengetragenen Beweisergebnisse im Rahmen des strafprozessualen Ermittlungsverfahrens zur Begründung der von den Be-41
42
43
-
25
-
schwerdeführern angegriffenen Beschlüsse des Ermittlungsrichters des Bun-desgerichtshofs und Anordnungen des Generalbundesanwalts zweckändernd verwendet werden durften.

(1) Rechtsgrundlage für die Weitergabe der vom Bundeskriminalamt ge-fahrenabwehrrechtlich erlangten Daten an den Generalbundesanwalt war §
20v Abs.
5 Satz
1 Nr.
3 BKAG. Zu dessen Anwendbarkeit und Voraussetzungen gilt:

(a) Unter anderem im Hinblick darauf, dass die Regelung in §
20v Abs.
5 Satz
1 Nr.
3 Satz
2 BKAG dem Kriterium der hypothetischen Datenneuerhe-bung nur unzureichend Rechnung trägt, ist die Norm aufgrund ihrer Weite ver-fassungswidrig (BVerfG, Urteil vom 20.
April 2016 -
1 BvR 966/09 u.a.,
BVerfGE
141, 220, 337
ff.). Dies führt indes nicht zur Unwirksamkeit der in der Vergangenheit auf sie gestützten Datenübermittlungen. Nach den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts gilt die Vorschrift vielmehr -
wenngleich für die aus Wohnraumüberwachungen und Online-Durchsuchungen erlangten Daten nur mit Einschränkungen -
bis zu einer Neuregelung, längstens jedoch bis zum 30.
Juni 2018 fort (BGBl.
I S.
1136; BVerfG, Urteil vom 20.
April 2016 -
1
BvR 966/09 u.a., BVerfGE 141, 220, 351
f.). Aufgrund dieser Weitergeltungsanord-nung ist §
20v Abs.
5 Satz
1 Nr.
3 BKAG weiterhin anwendbar mit der Folge, dass die auf diese Regelung gestützten Rechtsakte -
vorbehaltlich der sonsti-gen gesetzlichen Voraussetzungen -
ihre Gültigkeit behalten (vgl. BVerfG, Urteil vom 26.
Juli
2005 -
1
BvR 80/95, BVerfGE 114, 73, 104; Maunz-Schmidt-Bleibtreu/Klein/Bethge, BVerfGG, 50.
EL, §
31 Rn.
232, §
35 Rn.
45a mwN).

44
45
-
26
-
(b) Die Übermittlung der präventiv-polizeilich ermittelten Erkenntnisse durch das Bundeskriminalamt an den Generalbundesanwalt war gemäß §
20v Abs.
5 Satz
1 Nr.
3 BKAG zur Strafverfolgung erforderlich. Nach der Beweisla-ge standen die Beschwerdeführer zumindest im Verdacht, dem Al-Qaida-Mitglied

K.

bei seinen Anschlagsvorbereitungen geholfen und sich hier-durch wegen Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung gemäß §
129a Abs.
1 Nr.
1, §
129b Abs.
1 Satz
2 StGB strafbar gemacht zu haben (zur Bewertung von Al-Qaida als terroristische Vereinigung im damaligen Zeitraum vgl. auch BGH, Urteil vom 14.
August 2009 -
3
StR 552/08, BGHSt
54, 69, 107
ff.; Beschluss vom 10.
März 2011 -
AK 5/11, NStZ-RR 2011, 176). Da der Generalbundesanwalt bis zu diesem Zeitpunkt keine Kennt-nis von den Aktivitäten

K.

s und der Beschwerdeführer hatte, waren straf-rechtliche Ermittlungen ohne die Mitteilung des Bundeskriminalamts nicht mög-lich. Die Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung ist im
-
hier vorliegenden -
Fall des §
129a Abs.
1 Nr.
1 StGB im Höchstmaß mit Frei-heitsstrafe bis zu zehn Jahren bedroht (§
129a Abs.
5 Satz
1 StGB), so dass auch die Voraussetzungen des §
20v Abs.
5 Satz
1 Nr.
3 Satz
2 BKAG erfüllt waren. Angesichts dessen bedarf es keiner Entscheidung, ob die Beschwerde-führer -
wie vom Generalbundesanwalt bei Einleitung des Ermittlungsverfah-rens und vom Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs in den angegriffenen Beschlüssen angenommen -
über den Verdacht der Unterstützung einer aus-ländischen terroristischen Vereinigung hinaus schon zu diesem Zeitpunkt im Sinne eines tatsachengestützten Anfangsverdachts verdächtig waren, ihrerseits jeweils als Mitglied von Al-Qaida agiert und sich dementsprechend wegen mit-gliedschaftlicher Beteiligung an der Vereinigung strafbar gemacht zu haben.

46
-
27
-
Die gemäß §
20v Abs.
5 Satz
1 Nr.
3 BKAG schließlich erforderliche Be-rechtigung des Generalbundesanwalts zur Abfrage und Verwendung der Daten folgte aus §
161 Abs.
1 und
2 StPO, hinsichtlich der Daten aus einer Wohn-raumüberwachung aus §
161 Abs.
2 Satz
2, §
100d Abs.
5 Nr.
3 StPO (s. auch unten).

(c) Auch die Übermittlung der aus den (akustischen) Wohnraumüberwa-chungen (§
20h BKAG) am 26.
März sowie 1., 8. und 11.
April 2011 gewonne-nen Erkenntnisse war durch §
20v Abs.
5 Satz
1 Nr.
3 BKAG gedeckt. Nach den Maßgaben der Weitergeltungsanordnung des Bundesverfassungsgerichts ist die Übermittlung derartiger Daten unter der Einschränkung zulässig, dass eine dringende Gefahr für die in §
20h Abs.
1 BKAG genannten Rechtsgüter vorliegt (BGBl. I S.
1136; BVerfG, Urteil vom 20.
April 2016 -
1
BvR 966/09 u.a., BVerfGE 141, 220, 352). Eine solche Gefahrenlage war im Zeitpunkt der Übermittlung der Daten durch das Bundeskriminalamt an den Generalbundes-anwalt gegeben.

Der polizeirechtliche Begriff der dringenden Gefahr baut im Sinne eines qualifizierten Rechtsgüterschutzes auf demjenigen der konkreten Gefahr auf. Er
nimmt Bezug auf das Ausmaß, aber auch auf die Wahrscheinlichkeit eines Schadens (BVerfG, Urteil vom 20.
April 2016 -
1
BvR 966/09 u.a., BVerfGE 141, 220, 271, 296) und verlangt, dass eine Sachlage oder ein Verhalten bei ungehindertem Ablauf des objektiv zu erwartenden Geschehens mit hinrei-chender Wahrscheinlichkeit ein bedeutendes Rechtsgut schädigen wird. Nach dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit sind an die Wahrscheinlichkeit eines Schadenseintritts umso geringere Anforderungen zu stellen, je größer und fol-genschwerer der möglicherweise eintretende Schaden wäre. Nicht ausreichend zur Begründung einer Gefahrenlage sind indes bloße Vermutungen oder die 47
48
49
-
28
-
Inbezugnahme einer allgemeinen Sicherheitslage (BGH, Urteil vom 14.
August 2009 -
3
StR 552/08, BGHSt
54, 69, 83
f., 93
mwN).

Nach diesen Maßstäben waren die in §
20h Abs.
1 BKAG genannten Schutzgüter, insbesondere Leib und Leben einer Person und Sachen von be-deutendem Wert, deren Erhaltung im öffentlichen Interesse geboten ist, auch bei Beachtung der gebotenen Strenge (vgl. BVerfG, Urteil vom 20.
April 2016
-
1
BvR 966/09 u.a., BVerfGE 141, 220, 296) im Zeitpunkt der Übermittlung der vom Bundeskriminalamt erhobenen Daten dringend gefährdet. Die Beweislage wies auf eine von Al-Qaida veranlasste Vorbereitung eines terroristischen Sprengstoffanschlags durch

K.

und die Beschwerdeführer hin. Für den Fall einer erfolgreichen Umsetzung des Vorhabens ließ dies befürchten, dass es in einem nicht abschätzbaren Umfang zu Toten und Verletzten kommen könnte. Der Gefahrengrad war als hoch einzustufen; die Hinweise auf das Vor-haben

K.

s und seine Unterstützung durch die Beschwerdeführer waren stichhaltig und gingen deutlich über Spekulationen und vage Vermutungen hin-aus. So ließ der Erkenntnisstand nicht nur auf extremistische Grundeinstellun-gen der Beteiligten schließen. Hinsichtlich

K.

war darüber hinaus der kon-krete Verdacht begründet, dass er sich bereits in einem von Al-Qaida unterhal-tenen
pakistanischen Ausbildungslager aufgehalten hatte. Diese Einschätzun-gen wurden zuletzt auch dadurch entscheidend gestützt, dass die Betroffenen ihre konspirative Kommunikation untereinander nach den Ergebnissen der Wohnraumüberwachung sogar in der Wohnung
von S.

aufrecht hielten. Das Ausmaß möglicher Anschläge war nicht abzusehen; jedoch ließen die auch schon im damaligen Zeitraum bestehenden Erfahrungen mit Selbstmord-attentaten durch radikale Islamisten, das konspirative Vorgehen der Beteiligten (vgl. hierzu Vermerk des Bundeskriminalamts vom 12.
April 2011 über den Er-mittlungsstand zum 4.
April 2011 S.
61 ff.) sowie deren Internetrecherchen 50
-
29
-
(insb. "The Explosive Course", Suche nach Mitteln zur Herstellung von Spreng-stoff) auf ein erhebliches Potenzial schließen. Der Zeitpunkt des geplanten An-schlags war zwar ungewiss; es ließ sich auf Grundlage der bisherigen Erkennt-nisse (mutmaßlicher Kontakt von

K.

zu Scheich
Atiyatallah; Recherche nach zur Herstellung von Sprengstoff geeigneten Mitteln)
indes nicht aus-schließen, dass es in überschaubarer Zukunft zu einem solchen kommen wür-de. Angesichts der in die Bewertung des Gefahrengrads einfließenden Folgen-betrachtung gibt es insoweit nichts zu erinnern.

(2) Der Generalbundesanwalt war zum Auskunftsverlangen gegenüber dem Bundeskriminalamt und zur weiteren Verwendung der erlangten Daten befugt (§
161 Abs.
1 und
2 StPO). In Bezug auf die Maßnahmen aus der akus-tischen Überwachung der Wohnung S.

s lagen auch die engeren Voraus-setzungen von §
161 Abs.
2 Satz
2, §
100d Abs.
5 Nr.
3 StPO vor. Die Be-schwerdeführer waren jedenfalls der Unterstützung einer ausländischen terro-ristischen Vereinigung und damit einer Katalogtat nach §
100d Abs.
5 Nr.
3 i.V.m. §
100c Abs.
2 Nr.
1 Buchst.
b StPO im Sinne eines tatsachengestützten Anfangsverdachts verdächtig.

Eine andere Beurteilung des Gefahrenverdachts folgt auch nicht daraus, dass die strafprozessuale Verwendung präventiv-polizeilich erhobener Daten nach §
161 Abs.
1 und
2, §
100d Abs.
5 Nr.
3 StPO grundsätzlich die Recht-mäßigkeit der vorangegangenen Datenerhebung voraussetzt (BGH, Urteil vom 14.
August 2009 -
3
StR 552/08, BGHSt
54, 69,
83
[zu §
100d Abs. 5 Nr.
3 StPO]). Die vom Bundeskriminalamt ergriffenen präventiv-polizeilichen Über-wachungsmaßnahmen begegnen zwar teilweise rechtlichen Bedenken. Dies führte indes nicht zum Wegfall der wesentlichen Tatsachengrundlage, auf der
der gegen die Beschwerdeführer bestehende Tatverdacht beruhte.
51
52
-
30
-

(a) Die Erhebung der Verkehrs-
und Inhaltsdaten zu den E-Mail-Adressen i.

com und cl.

de
war rechtswidrig.

(aa) Der Datenerhebung lag folgendes Vorgehen des Bundeskriminal-amts zugrunde:

Die Ermittlungen des Bundeskriminalamts ergaben, dass

K.

mit den Nutzern der vorstehenden E-Mail-Adressen mehrfach kommuniziert hatte. Hinsichtlich des Accounts cl.

de bat das Bundeskriminalamt im Januar 2011 gegenüber der US-amerikanischen Microsoft Corporation im We-ge des sog. Emergency requests um Auskunft "zu den vorgenannten Postfä-chern und den dazugehörigen Adresslisten". Hierauf übermittelte die Microsoft Corporation die gespiegelten Daten des Postfachs, die das Bundeskriminalamt im Anschluss auswertete. In entsprechender Weise verfuhr es
mit Schreiben vom 7.
Februar 2011 hinsichtlich der E-Mail-Adresse
i.

com und erhielt hierauf eine Spiegelung des
E-Mail-Postfachs inklusive der zugehörigen Verkehrsdaten. Eine richterliche Anordnung über die Datenerhebung lag weder im Zeitpunkt der jeweiligen An-fragen an die Microsoft Corporation noch bei der späteren Auswertung der übermittelten Daten vor. Sie wurde auch nicht nachträglich eingeholt. Auf An-trag des Generalbundesanwalts beschloss der Ermittlungsrichter des Bundes-gerichtshofs am 26.
September 2011 (2
BGs 509/11) allerdings, dass er die Durchsuchung der Geschäftsräume der Microsoft Corporation zum Zwecke der vorläufigen Sicherstellung der Inhalts-
und Verkehrsdaten zu den vorstehenden
E-Mail-Adressen anordnen würde, wenn sich die Geschäftsräume des Server-53
54
55
-
31
-
betreibers innerhalb des Gebiets der
Bundesrepublik Deutschland befinden würden.

(bb) Dieses Vorgehen des Bundeskriminalamts entsprach nicht den ge-setzlichen Vorgaben. Hierzu gilt:

(i) Im Unterschied zu den im Herrschaftsbereich des Kommunikations-teilnehmers gespeicherten Inhalten und Umständen einer Kommunikation un-terfällt der zugangsgesicherte Kommunikationsinhalt in einem E-Mail-Postfach, auf das der Nutzer nur über eine Internetverbindung zugreifen kann, dem Schutz des Fernmeldegeheimnisses (Art.
10 Abs.
1 GG). Das Fernmeldege-heimnis knüpft an das Kommunikationsmedium an und will jenen Gefahren für die Vertraulichkeit begegnen, die sich gerade aus der Verwendung dieses Me-diums ergeben, das einem staatlichen Zugriff leichter ausgesetzt ist als die di-rekte Kommunikation unter Anwesenden. Eine derartige Gefahrenlage besteht aufgrund der besonderen Schutzbedürftigkeit des Nutzers auch für die Fälle der
auf einem Mailserver des Providers (zwischen-
oder end)gespeicherten
E-Mails, weil der Kommunikationsteilnehmer keine Möglichkeit hat, die Weiter-gabe der E-Mails durch den Provider zu verhindern. Da Art.
10 Abs.
1 GG die Vertraulichkeit der Kommunikation schützt, ist die Kenntnisnahme, Aufzeich-nung und Verwertung kommunikativer Daten ohne Einwilligung des Betroffe-nen, aber auch schon die Anordnung des Zugriffs ein Eingriff in die grundrecht-lich geschützte Position des Postfachinhabers (BVerfG, Beschluss
vom 16.
Juni 2009 -
2
BvR 902/06, BVerfGE 124, 43, 54 ff., 58). Der Eingriff ist allerdings gerechtfertigt, wenn er gemäß Art.
10 Abs. 2 Satz 1 GG durch eine den verfas-sungsrechtlichen Anforderungen genügende Ermächtigungsgrundlage gedeckt ist. Diese ist unter anderem am Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zu messen. Dabei verlangt die Verhältnismäßigkeit im engeren Sinne, dass die Einbußen 56
57
-
32
-
grundrechtlich geschützter Freiheiten nicht in einem unangemessenen Verhält-nis zu den Gemeinwohlzwecken stehen, denen die Grundrechtsbeeinträchti-gung dient. Neben der Bedeutung der geschützten Rechtsgüter sind dabei maßgebend insbesondere die Gestaltung der Einschreiteschwellen, die Zahl der Betroffenen und die Intensität der Beeinträchtigung. Hinsichtlich des letzten Gesichtspunkts ist zu beachten, dass sich die Schwere eines Eingriffs erhöht, wenn er heimlich durchgeführt wird. Von Bedeutung ist ferner, ob nur eine ein-malige und punktuelle Datenerhebung stattfindet. Im Bereich der Strafverfol-gung etwa sind daher bei heimlichen Eingriffen in das Fernmeldegeheimnis besonders hohe Anforderungen an die Bedeutung der zu verfolgenden Straftat und den für den Zugriff erforderlichen Grad des Tatverdachts zu stellen (vgl. BVerfG aaO, S.
62 ff.). Das besondere Gewicht des grundrechtlichen Schutzes gegen verdeckte Eingriffe in die Kommunikationsfreiheit beruht darauf, dass sie spezifische Risiken für die Rechte der Betroffenen bergen. Diese können sich frühestens dann mit rechtlichen Mitteln wehren, wenn der Zugriff bereits vollzo-gen ist, und dies auch nur dann, wenn sie über die Maßnahme informiert wer-den oder auf andere Weise von ihr Kenntnis erlangen (BVerfG aaO, S.
65; vgl. auch BVerfG, Urteil vom 14.
Juli 1999 -
1
BvR 2226/94 u.a., BVerfGE 100, 313, 361). Der effektive Schutz des materiellen Grundrechts aus Art.
10 Abs.
1 GG bedarf daher auch einer den sachlichen Erfordernissen entsprechenden Aus-gestaltung des Verfahrens. Hierbei ist insbesondere die Unterrichtung des Be-troffenen über den Zugriff auf seinen E-Mail-Bestand von maßgeblicher Bedeu-tung (vgl. BVerfG aaO, S.
70
f.).

Strafprozessual ermöglichen nach diesen Maßstäben die §§
94
ff. StPO die Sicherstellung und Beschlagnahme entsprechender E-Mails (BVerfG aaO, S.
58 ff.; BGH, Beschlüsse vom 24.
November 2009 -
StB 48/09, NJW 2010, 1297, 1298; vom 4.
August 2015 -
3
StR 162/15, NStZ 2015, 704, 705). Da-58
-
33
-
nach bedarf es nur dann einer richterlichen Entscheidung über die Beschlag-nahme (§
98 StPO), wenn Daten über den Postfachinhalt nicht freiwillig her-ausgegeben werden. Ob dies der Fall ist, richtet sich nicht allein nach dem Wil-len des Providers, sondern auch nach demjenigen des durch Art.
10 Abs.
1 GG geschützten Postfachinhabers (vgl. BVerfG aaO). In zeitlicher Hinsicht verfas-sungsrechtlich erforderlich ist zum Schutz des Postfachinhabers, in dessen Grundrechte durch den Zugriff auf den E-Mail-Bestand eingegriffen wird, dass er spätestens vor Durchführung der Maßnahmen hierüber unterrichtet wird, damit er bei der Sichtung seines E-Mail-Bestandes seine Rechte wahrnehmen kann (BVerfG aaO, S.
71). Einfachrechtlich wird dies durch §
35 StPO umge-setzt. Eine Zurückstellung der Benachrichtigung ist gesetzlich nicht vorgesehen und führt zur Rechtsfehlerhaftigkeit der Sicherstellung bzw. der Beschlagnahme (vgl. BGH, Beschlüsse vom 24.
November 2009 -
StB 48/09, NJW 2010, 1297, 1298; vom 4.
August 2015 -
3
StR 162/15, NStZ 2015, 704, 705). Ein demge-genüber verdecktes Vorgehen der Strafverfolgungsbehörde wird im strafrechtli-chen Schrifttum zwar nicht für grundsätzlich ausgeschlossen erachtet. Ange-sichts der verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen soll dies strafpro-zessual jedoch nur unter den Voraussetzungen von §
100a StPO bzw. §
99 StPO zulässig sein (Meyer-Goßner/Schmitt, StPO, 60.
Aufl., §
94 Rn.
16a
f., §
100a Rn.
6b
f.; BeckOK StPO/Graf §
100a Rn.
30; KK-Bruns, StPO, 7.
Aufl., §
100a Rn.
16
ff.; s. zum Zugriff auf eine telefonische Mailbox auch BGH, Be-schluss vom 31.
Juli 1995 -
1
BGs 625/95, NStZ 1997, 247, 248).

Im Hinblick auf den Schutzgehalt des Fernmeldegeheimnisses ist ferner zu beachten, dass Art.
10 Abs.
1 GG nicht nur die Kommunikationsinhalte schützt, sondern auch die Informationen über Ort, Zeit sowie Art und Weise der Kommunikation. Der Grundrechtsschutz erstreckt sich daher auch auf die Ver-kehrsdaten der Telekommunikation, die Aufschluss über die an der Kommuni-59
-
34
-
kation beteiligten Personen und die Umstände der Kommunikation geben (BVerfG, Beschluss vom 27.
Oktober 2006 -
1
BvR 1811/99, NJW 2007, 3055 mwN; Maunz/Dürig/Durner, 78.
EL, GG Art.
10 Rn.
86).

(ii) Unter Berücksichtigung dieser verfassungsrechtlichen Vorgaben und Folgerungen für das einfache Recht gilt hier für die Erhebung der bei der Microsoft Corporation gespeicherten Inhalts-
und Verkehrsdaten nach dem Bundeskriminalamtgesetz:

Die Erhebung der Verkehrs-
und Inhaltsdaten zu den E-Mail-Adressen i.

und cl.

de im Wege des "Emergency requests" entbehrte einer rechtlichen Grundlage. §
20b BKAG aF eröffnete als Grundnorm für die Erhebung personenbezogener Daten keine entsprechende Befugnis. Die Regelung ist subsidiär, soweit die Befugnis zur Datenerhebung speziell in
den Bestimmungen des Unterabschnitts 3a des zweiten Abschnitts des Bundeskriminalamtgesetzes geregelt ist (BT-Drucks. 16/9588, S.
20). Solche Vorschriften finden sich hinsichtlich der Inhaltsdaten der Telekommunikation in §
20l BKAG und hinsichtlich der Verkehrsdaten in §
20m BKAG. Nach neuer -
im hier relevanten Zeitpunkt indes noch nicht in Kraft getretener -
Rechtslage folgt die Unanwendbarkeit von §
20b BKAG auch aus dessen dritten Absatz, der die fachgesetzliche Rechtsgrundlage für die Be-standsdatenauskunft schafft (vgl. auch Graulich in Schenke/Graulich/Ruthig, Sicherheitsrecht des Bundes, §
20b BKAG Rn.
10
ff.) und im Umkehrschluss die Verkehrs-
und Inhaltsdatenerhebung nach der Grundnorm gerade aus-schließt.

Es lagen auch weder die verfahrensrechtlichen Voraussetzungen für ei-ne heimliche Überwachung der Telekommunikation (§
20l BKAG) noch für die 60
61
62
-
35
-
Erhebung der Verkehrsdaten (§
20m BKAG) vor. Zwar ist nicht nur die Über-wachung einer laufenden Telekommunikation, sondern auch die (gegenüber dem Postfachnutzer) heimliche Erhebung von auf dem Mailserver des Provi-ders bereits gespeicherten Inhaltsdaten unter den Bedingungen des §
20l BKAG grundsätzlich möglich. Voraussetzung ist nach beiden Regelungen in-des, dass die Maßnahme zuvor richterlich angeordnet worden ist oder im Falle bestehender
Gefahr im Verzug die gerichtliche Entscheidung unverzüglich nachgeholt wird (§
20l Abs.
3 Satz
1 und
2, §
20m Abs.
3 Satz
1 BKAG). Hieran fehlte es.

Die Einhaltung des Richtervorbehalts war auch nicht deswegen entbehr-lich, weil die Microsoft Corporation die Daten auf Grundlage des US-amerikanischen Rechts dem Bundeskriminalamt freiwillig überlassen hatte. Der Richtervorbehalt der §§
20l, 20m BKAG besteht nicht in erster Linie im Interes-se des Telekommunikationsanbieters. Vielmehr trägt er insbesondere den mit der staatlichen Maßnahme einhergehenden Beeinträchtigungen der Telekom-munikationsnutzer Rechnung. Ohne deren Zustimmung durfte das Bundeskri-minalamt die Microsoft Corporation daher nicht zu einer Überlassung der Daten veranlassen und hierdurch die Voraussetzungen der §§
20l,
20m BKAG bzw. diejenigen eines Vorgehens im Wege der Rechtshilfe umgehen (s. zur Parallel-problematik im Rahmen strafprozessualer Ermittlungen auch Meyer-Goßner/Schmitt, StPO, 60.
Aufl., §
100a Rn.
5; Gaede, StV 2009, 96, 102). Unerheblich ist in diesem Zusammenhang, ob der räumliche Geltungsbereich des Art. 10 Abs. 1 GG nur bei hinreichendem territorialen Bezug zur Bundesre-publik Deutschland eingreift (offen gelassen in BVerfG, Urteil vom 14.
Juli 1999 -
1
BvR 2226/94 u.a., BVerfGE 100, 313, 362
f.). Ungeachtet dessen,
dass für einen entsprechenden räumlichen Bezug auch hinsichtlich des
in Marokko lebenden

L.

, dem Nutzer des Accounts
63
-
36
-
i.

com, sprechen würde, dass das Bundeskriminal-amt die Datenerhebung aus dem Inland heraus veranlasste und die übermittel-ten Daten hier auswertete (vgl. BVerfG aaO, S.
363), lässt sich eine derartige Beschränkung auf Daten, die aus einer Telekommunikation mit territorialen Be-zug herrühren, §
20l und §
20m BKAG nicht entnehmen.

Soweit der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs auf Antrag des Generalbundesanwalts mit Beschluss vom 26.
September 2011 (2
BGs 509/11) festgestellt hat, dass die Durchsuchung der Geschäftsräume der Microsoft Cor-poration zur Sicherstellung der betreffenden Inhalts-
und Verkehrsdaten ange-ordnet werden würde, wenn sich die Geschäftsräume innerhalb des Gebiets der Bundesrepublik Deutschland befänden, führte dies -
ungeachtet der Frage, welche sonstigen Konsequenzen sich für eine zweckändernde Verwendung der erhobenen Daten hieraus ergäben (zur Erforderlichkeit einer Abwägung nach den zu den relativen Beweisverwertungsverboten entwickelten Maßstäben s.u.) -
nicht nachträglich zur Rechtmäßigkeit der bereits abgeschlossenen Datener-hebung. Schon weil der Beschluss auf strafprozessualer Grundlage ergangen ist, bestehen Zweifel, ob er die gefahrenabwehrrechtlich durchgeführten Maß-nahme im Sinne von §
20l Abs.
3 Satz
3 (i.V.m. §
20m Abs.
3 Satz
1) BKAG nachträglich bestätigen konnte. Selbst wenn eine solche nachträgliche Bestäti-gung während des Ermittlungsverfahrens durch den Ermittlungsrichter
des Bundesgerichtshofs
für grundsätzlich möglich erachtet werden sollte, wäre der Beschluss des Ermittlungsrichters des Bundesgerichtshof nicht geeignet, die Rechtmäßigkeit der ursprünglichen Datenerhebung zu begründen. Insoweit liegt dem Beschluss ein unzutreffender Prüfungsmaßstab zugrunde; denn die (fiktive) Anordnung der Durchsuchung ist maßgeblich auf die Erkenntnisse ge-stützt worden, die erst durch die Übermittlung der Daten durch die Microsoft Corporation erlangt worden sind.
64
-
37
-

Das Vorgehen des Bundeskriminalamts war ebenso wenig durch §
20s Abs.
1 Nr.
1 BKAG gedeckt, wonach eine Sache zur Abwehr einer gegenwärti-gen Gefahr sichergestellt werden kann. Auch wenn die sichergestellten E-Mails und Verkehrsdaten unter den Sachbegriff zu fassen wären (in diesem Sinne BVerfG, Beschluss
vom 16.
Juni 2009 -
2
BvR 902/06, BVerfGE 124, 43, 60 f.), ist zweifelhaft, ob die Befugnis zur Sicherstellung die Befugnis zur Auswertung
-
und damit der eigentlichen Erhebung -
der Daten miteinschließt. Dies bedarf indes keiner Entscheidung, weil es sich bei der Sicherstellung einer Sache nach §
20s BKAG um eine offene Maßnahme der Gefahrenabwehr handelt. Die
Sicherstellung ist ihrer Rechtsnatur nach ein mit einem Realakt einhergehen-der, auf Duldung gerichteter Verwaltungsakt (vgl. OVG Münster, Urteil vom 21.
Januar 1991 -
7
A 246/88, NVwZ-RR 1991, 556, 557 [zu §§
21, 22 PolG NRW aF]; Nomos-BR/Kugelmann BKAG §
20s Rn.
1), der gemäß §
41 Abs.
1 VwVfG der Bekanntgabe bedarf (vgl. auch Schenke in Schenke/

Graulich/Ruthig, Sicherheitsrecht des Bundes, §
47 BPolG Rn.
6). Dem ent-spricht, dass die Sicherstellung nach §
20s BKAG im Katalog des §
20w Abs.
1 BKAG nicht aufgeführt wird, der die gesamten heimlichen Informationseingriffe nach dem Unterabschnitt 3a des zweiten Abschnitts des Bundeskriminalamtge-setzes erfasst (Ruthig in Schenke/Graulich/Ruthig, Sicherheitsrecht des Bun-des, §
20w BKAG Rn.
4). Unabhängig von der Frage, ob die Befugnis zur
Sicherstellung nach §
20s BKAG auch die Auswertung der von der Microsoft Corporation übermittelten Datenträger umfasste, war das diesbezügliche Vor-gehen des Bundeskriminalamts auf Heimlichkeit angelegt; der Bekanntgabe der
Sicherstellung gegenüber den betroffenen Postfachinhabern ermangelte es.

(cc) Dass Daten rechtswidrig erhoben wurden, steht ihrer zweckändern-den strafverfahrensrechtlichen Verwendung nach der -
verfassungsrechtlich 65
66
-
38
-
unbedenklichen (BVerfG, Beschluss vom 7.
Dezember 2011 -
2
BvR 2500/09 u.a., BVerfGE 130, 1, 28 ff.) -
Rechtsprechung des Senats nicht von vornherein entgegen. Entsprechend den Grundsätzen zu den sog. relativen Verwertungs-verboten bedarf es in diesen Fällen allerdings einer Abwägung im Einzelfall, ob die Rechtswidrigkeit der Datenerhebung auch die zweckändernde Verwendung -
wie hier zur Begründung verdeckter grundrechtsintensiver Ermittlungsmaß-nahmen -
verbietet (BGH, Urteil vom 14.
August 2008 -
3
StR 552/08, BGHSt
54, 69, 86 ff. m. zahlr. w.N.). Dabei kann der Senat erneut offenlassen, ob von diesem Ergebnis abzuweichen wäre, wenn durch die Nutzung der rechtswidrig erhobenen Daten eine in der Verwendungsregelung enthaltene Beschränkung umgangen würde, etwa wenn die Wohnraumüberwachung nicht zur Aufklärung einer Katalogtat oder eines vergleichbaren präventiv-polizeilichen Zwecks angeordnet
wurde (vgl. BGH aaO, S.
89 f.). Zu einer sol-chen Verletzung der Verwendungsbeschränkung ist es hier nicht gekommen.

Ob die Verwendung der zu den E-Mail-Adressen
i.

com und cl.

de gewonnenen Daten einer nach obigen Maßstäben durchzuführenden Abwägung standhielte, bedarf keiner Entscheidung. Insbesondere angesichts der zeitlichen Kongruenz zwi-schen den Angaben des

E.

und der Einreise von

K.

in das Bundesgebiet
im November 2010, der rechtsfehlerfrei erlangten Erkenntnisse zu dessen seit Dezember 2010 betriebenen Internetrecherchen sowie der Er-gebnisse der Wohnraumüberwachungen von März und April 2011 können die aus der Datenerhebung zu den vorgenannten Accounts folgenden weiteren Indizien hinweggedacht werden, ohne dass sich an der Beurteilung des Tatver-dachts im Zeitpunkt des Erlasses der angegriffenen ermittlungsrichterlichen Beschlüsse vom 19. und 20.
April 2011 eine wesentliche Änderung ergäbe.

67
-
39
-

(b) Sämtliche anderen von dem Bundeskriminalamt präventiv durchge-führten Überwachungsmaßnahmen waren -
soweit hier für die Begründung des gegen die Beschwerdeführer bestehenden Tatverdachts von Belang -
rechtmä-ßig. Der näheren Erörterung bedarf insoweit nur Folgendes:

(aa) Die im Rahmen des Gefahrenabwehrvorgangs "EG Komet" durch das Bundeskriminalamt ergriffenen, auf §
20g Abs.
1 bis 3, §§
20h, 20k, 20l und 20m BKAG basierenden Überwachungsmaßnahmen waren nicht deshalb rechtwidrig, weil das Bundesverfassungsgericht diese Normen für mit dem Grundgesetz nicht vereinbar erklärt hat (Urteil vom 20.
April 2016 -
2
BvR 966/09 u.a., BVerfGE 141, 220, 351
f.). Es hat auch die (befristete) Weitergel-tung dieser Vorschriften angeordnet. Damit lag insbesondere den für die Be-gründung des Tatverdachts wesentlichen, auf §
20l BKAG gestützten Anord-nungen hinsichtlich der Überwachungen der Callshops und Internetcafes "P.

Callshop" (Beschluss vom 25.
März 2011), "Cy.

Cafe" (Eilanordnung vom 23.
Dezember 2010, Beschluss vom 25.
Dezember 2010) und "C.

Center A.

" (Beschluss vom 18.
März 2011),
des vom Beschwerdeführer C.

genutzten Telefonanschlusses

(Beschluss vom 2.
März 2011) und des Telefonanschlusses von

Ec.

(Beschluss vom 14.
Dezember 2010) sowie der auf §
20h BKAG beruhenden akustischen
Überwachung der Wohnung S.

s (Beschlüsse vom 28.
Februar 2011 und vom 27.
März 2011) jeweils eine gültige Ermächtigungsgrundlage zugrunde (s. zu den
Folgen der Verfassungswidrigkeit einer Norm für das Strafverfahren im Falle der fehlenden Weitergeltungsanordnung BGH, Urteil vom 14.
August 2009 -
3
StR 552/08, BGHSt
54, 69, 86
ff.).

68
69
-
40
-

(bb) Hinsichtlich der Überwachung der ISDN-Anschlüsse der Betreiber des Internetcafes "Cy.

Cafe" gemäß §
20l BKAG bestehen allerdings rechtli-che Bedenken, soweit dieser Maßnahme aufgrund angenommenen Gefahren-verzugs zunächst nur die Eilanordnung des Präsidenten des Bundeskriminal-amts vom 23.
Dezember 2010 zugrunde lag (§
20l Abs.
3 Satz 2 BKAG). Der Eilanordnung war um 15.05 Uhr ein Telefonat zwischen einem Beamten des Bundeskriminalamts und dem für die Anordnung zuständigen Amtsrichter
vorausgegangen, bei dem der Amtsrichter erklärt hatte, dass das Amtsgericht Wiesbaden an diesem Tage "keine Anträge mehr annehmen würde. Der zu-ständige Richter sei heute damit nicht mehr zu erreichen" (Vermerk des Bun-deskriminalamts vom 23.
Dezember 2010). Da in die Bewertung des Gefahren-verzugs seitens der für den Erlass einer Eilanordnung zuständigen nichtrichter-lichen Organe auch einzustellen ist, in welchem zeitlichen Rahmen mit einer Anordnung durch das Gericht zu rechnen wäre (vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.
Juni 2015 -
2
BvR 2718/10 u.a., BVerfGE 139, 245, 270), begegnete das Vorgehen des Beamten des Bundeskriminalamts zwar keinen rechtlichen Be-denken, soweit dieser zunächst abklärte, ob in einem vertretbaren zeitlichen Rahmen mit einer gerichtlichen Entscheidung über die Anordnung gerechnet werden konnte. Jedoch lassen sich die Hintergründe für die Erklärung des Amtsrichters -
etwa die Notwendigkeit, vorrangig andere bereits eingegangene Anträge auf Erlass von Anordnungen nach den §§
20g ff. BKAG bearbeiten zu müssen -
weder dem Vermerk des Bundeskriminalamts vom 23.
Dezember 2010
noch der daraufhin ergangenen Eilanordnung entnehmen. Diese verste-hen sich -
abgesehen davon, dass die Entscheidung, ob Anträge der Ermitt-lungsbehörden "angenommen" werden, nicht der Disposition des Gerichts un-terliegt -
insbesondere angesichts der Uhrzeit des Telefonats auch nicht von selbst (zum Erfordernis der Dokumentation der den Gefahrenverzug begrün-denden Umstände vgl. etwa BGH, Beschluss vom 7.
März 2006 -
1
StR 534/05, 70
-
41
-
wistra 2006, 311, 312). Das lässt besorgen, dass seitens des Amtsgerichts eine richterliche Entscheidung aus sachwidrigen Erwägungen verweigert und diese Erklärung vom Bundeskriminalamt ohne weiteres hingenommen worden war. Es bedarf indes keiner Klärung, ob dies zur Rechtswidrigkeit der Eilanordnung führte, weil die nach §
20l Abs.
3 Satz
1 und
3 BKAG erforderliche richterliche Entscheidung am 25.
Dezember 2010 nachgeholt und relevante Erkenntnisse aus der Telekommunikationsüberwachung erst danach gewonnen wurden.

Gegen die Rechtmäßigkeit der richterlichen Anordnung vom 25. Dezem-ber 2010 bestehen keine durchgreifenden rechtlichen Bedenken. Die materiel-len Voraussetzungen für die Überwachung des Internetcafes "Cy.

Cafe" la-gen vor, weil aufgrund des zu diesem Zeitpunkt bestehenden Wissensstands des Bundeskriminalamts insbesondere zu dem Kommunikationsverhalten von

K.

zu erwarten war, dass dieser das Internetcafe aufsuchen könnte, um von dort mit anderen Al-Qaida-Mitgliedern Kontakt aufzunehmen oder Internet-recherchen im Hinblick auf den geplanten Anschlag durchzuführen

20l Abs.
1 Nr.
4 BKAG). Die in verfassungskonformer Auslegung erforderliche Ge-fahrennähe der Inhaber des Callshops (vgl. BVerfG, Urteil vom 20.
April 2016
-
1
BvR 966/09 u.a., BVerfGE 141, 220, 310
f.) bestand in dem begründeten Verdacht, dass sich insbesondere

K.

gezielt des Internetcafes bedienen könnte, um sein terroristisches Vorhaben durchzuführen. So hatte er in den Vortagen bereits mehrfach -
teilweise in auffällig kurzen Abständen -
dieses Internetcafe und das "C.

Center A.

" aufgesucht. Wegen der Einzelheiten hierzu nimmt der Senat Bezug auf die Darlegungen in dem Ver-merk des Bundeskriminalamts vom 10.
Januar 2011 (SAO B36 Bl.
10
ff.). Die Abwehr des geplanten Anschlags wäre ohne die Überwachung des Internet-cafes auch wesentlich erschwert gewesen (§
20l Abs.
1 Satz
1 Halbsatz
2 BKAG). Details zu den Anschlagsplänen von

K.

und der Beschwerdefüh-71
-
42
-
rer waren nicht bekannt; es stand zu erwarten, dass die Überwachung ihrer In-ternetnutzung hierzu nähere Erkenntnisse erbringen würde.

Der Beschluss vom 25.
Dezember 2010 genügt auch den formellen Vo-raussetzungen des §
20l BKAG. Soweit dort gemäß §
20l Abs.
4 Satz
3 BKAG ausgeführt war, dass die Maßnahme auf drei Monate bis zum "24.03.2010", statt 2011, befristet sei, handelte es sich um einen offensichtlichen, bereits aus der Entscheidung heraus erkennbaren Schreibfehler, der die Wirksamkeit der Anordnung nicht gefährdete. Auch dass die amtsrichterliche Anordnung der Telekommunikationsüberwachung vom 25.
Dezember 2010 keine Begründung für die Maßnahme enthielt, berührt deren Rechtmäßigkeit im Ergebnis nicht. Eine Begründungspflicht war im Zeitpunkt ihres Erlasses gesetzlich nicht vor-gesehen. Zwar gründet sich die Unvereinbarkeit von §
20l BKAG mit dem Grundgesetz unter anderem gerade auf diesen Umstand, dem im Hinblick auf die Begründungspflichten der §
20g Abs.
3 Satz
6, §
20h Abs.
4, §
20k Abs.
6 BKAG nicht ausschließbar eine bewusste Entscheidung des Gesetzgebers zu-grunde lag (BVerfG, Urteil vom 20.
April
2016 -
1
BvR 966/09 u.a., BVerfGE 141, 220, 312; s. zur Begründungspflicht für angeordnete Ermittlungsmaßnah-men auch BGH, Beschluss vom 1.
August 2002 -
3
StR 122/02, BGHSt
47, 362, 366). Indes hat das Bundesverfassungsgericht die befristete Fortgeltung der Norm insoweit nicht von weiteren Voraussetzungen abhängig gemacht. In-soweit ist §
20l BKAG während der Übergangszeit in seiner bisherigen Fassung anwendbar.

(cc) Auch die richterliche Anordnung vom 18.
März 2011 über die Ver-längerung der Telekommunikationsüberwachung des Internetcafes "C.

Center A.

" (§
20l Abs.
4 Satz
4 BKAG) erweist sich im Ergebnis als rechtmäßig. Zwar sind die Gründe des Beschlusses fehlerhaft, weil sie sich 72
73
-
43
-
nicht zu der angeordneten Maßnahme, sondern zur Verlängerung der Observa-tion des Beschwerdeführers S.

verhalten. Mit Blick auf die -
wie bereits dargestellt -
nach der damaligen Rechtslage gesetzlich nicht vorgesehene Pflicht zur Begründung von Anordnungen der Telekommunikationsüberwa-chung führt dies für sich genommen aber noch nicht zur Rechtswidrigkeit der Anordnung.

Die Voraussetzungen für die Überwachung dieser Telekommunikations-anschlüsse lagen im Zeitpunkt des Erlasses der richterlichen Anordnung vor. Insbesondere war zu erwarten, dass

K.

das Internetcafe -
wie schon in der Vergangenheit -
weiterhin gezielt aufsuchen könnte, um von dort Kontakt mit anderen Al-Qaida-Mitgliedern aufzunehmen und für die Durchführung des Anschlags erforderliche Internetrecherchen zu betreiben (§
20l Abs.
1 Nr.
4 BKAG). Wegen der Einzelheiten nimmt der Senat Bezug auf die Ausführungen im Beschluss über die erstmalige Anordnung der Telekommunikationsüberwa-chung des "C.

Center A.

" vom 20.
Dezember 2010 und im Antrag des Bundeskriminalamts auf Anordnung der Überwachung der Tele-kommunikationsanschlüsse des "Cy.

Cafe" vom 16.
März 2011. Die Abwehr der Anschlagspläne von

K.

wäre ohne die Überwachungsmaßnahme auch wesentlich erschwert gewesen. Insoweit ist auf obige Ausführungen zur Anordnung der Überwachung der Telekommunikation des "Cy.

Cafes" zu verweisen.

(dd) Ebenfalls rechtmäßig war die mit Beschluss des Amtsgerichts Wiesbaden vom 2.
März 2011 (70 Gs 24/11) angeordnete Überwachung der
-
aufgrund späterer Erkenntnisse C.

zuzuordnenden -
Mobilfunknummer

. Soweit das Amtsgericht in der Entscheidung als Ermächti-gungsgrundlage §
20l Abs.
1 Nr.
4 BKAG aufgeführt hat, handelt es sich um ein 74
75
-
44
-
offensichtliches Redaktionsversehen. Weder war in den Beschlussgründen dargelegt, dass

K.

oder S.

gemäß den Vorgaben des §
20l Abs.
1 Nr.
4 BKAG diesen Anschluss nutzen könnten, noch war dies aufgrund des sonstigen Erkenntnisstandes anzunehmen. Aus den in dem Beschluss genann-ten Gründen war vielmehr die Annahme gerechtfertigt, dass es sich bei dem Nutzer der Nummer

um einen Nachrichtenmittler von

K.

und S.

handeln könnte (§
20l Abs.
1 Nr.
3
BKAG). Dies gilt auch mit Blick auf die
gebotene verfassungskonforme Auslegung, wonach der Nachrichten-mittler von der Zielperson gezielt in die Tatausführung eingebunden wird und deshalb eine besondere Gefahrennähe aufweist (vgl. BVerfG, Urteil vom 20.
April 2016 -
1
BvR 966/09
u.a., BVerfGE 141, 220, 310
f.). Hierfür sprach das auffällige Kommunikationsverhalten von

K.

und S.

mit dem im Zeitpunkt der Anordnung noch unbekannten Nutzer der Nummer, wie es im Antrag des Bundeskriminalamts vom 28.
Februar 2011 und in dem Vermerk vom 29.
März 2011 über die Auswertung der retrograden Verkehrsdaten zur Nummer

niedergelegt ist.

(c) Auch vor dem Hintergrund der verfassungsrechtlich unzulässigen Rundumüberwachung (s. hierzu BVerfG, Urteil vom 20.
April 2016 -
2
BvR 966/09 u.a., BVerfGE 141, 220, 317 f. mwN; BGH, Urteil vom 14.
August 2009
-
3
StR 552/08, BGHSt
54, 69, 104
ff.) begegnen die von dem Bundeskriminal-amt durchgeführten präventiv-polizeilichen
Überwachungsmaßnahmen -
wie bereits vom Oberlandesgericht in
seinem Beschluss vom 5.
September 2013 (Anl.
2 zum Hauptverhandlungsprotokoll) ausgeführt -
keinen Bedenken.

cc) Aufgrund der am 19.
April 2011 bestehenden Beweislage waren die Beschwerdeführer jedenfalls verdächtig,

K.

bei seinen im Auftrag von
Al-Qaida durchgeführten Anschlagsvorbereitungen und damit zugleich eine 76
77
-
45
-
ausländische terroristische Vereinigung unterstützt zu haben (§
129a Abs.
5 Satz
1, §
129b Abs.
1 Satz
2 StGB). Auch bei der Unterstützung einer auslän-dischen terroristischen Vereinigung handelt es sich um eine Katalogtat im Sin-ne von §
100a Abs.
2 Nr.
1 Buchst.
d StPO. Angesichts dessen kann auch in diesem Zusammenhang offenbleiben, ob die vorhandenen Ermittlungsergeb-nisse zum vorgenannten Zeitpunkt bereits ausreichend valide den Verdacht stützten, dass die Beschwerdeführer selbst als Mitglieder der Vereinigung an den Planungen und Vorbereitungen mitwirkten.

b) Die weiteren Voraussetzungen des §
100a StPO lagen bei den ange-griffenen Anordnungen der Überwachung der Telekommunikation ebenfalls vor.

Insbesondere fällt unter den Begriff der "Telekommunikation" auch die Nutzung des Internets im Wege der Internettelefonie, des E-Mail-Verkehrs oder allgemein des "Surfens" (BVerfG, Beschluss vom 6.
Juli 2016 -
2
BvR 1454/13, NJW
2016, 3508), weshalb neben der Überwachung der Telefongespräche der Beschwerdeführer auch die Überwachung der E-Mail-Accounts des Beschwer-deführers C.

(Beschlüsse vom 20.
April 2011 -
2
BGs 161/11, 2 BGs 162/11) durch §
100a Abs.
1 StPO gedeckt war.

Angesichts der im Fall eines erfolgreichen Anschlags nicht abzusehen-den Anzahl an Geschädigten und der für diese zu erwartenden schweren Fol-gen wog die Tat zudem für beide Beschwerdeführer schwer (§
100a Abs.
1 Nr.
2 StPO). Die Maßnahmen
waren
zur Sachverhaltsaufklärung auch geeignet und erforderlich, weil insbesondere die Einzelheiten zu dem geplanten An-schlag unbekannt waren, diese Umstände jedoch den Schuldgehalt der Taten maßgeblich bestimmten. Ohne die weitere Telekommunikationsüberwachung wäre die Erforschung des Sachverhalts wesentlich erschwert gewesen.
78
79
80
-
46
-

Als Beschuldigte waren die Beschwerdeführer auch taugliche Adres-saten
der Maßnahmen

100a Abs.
3 StPO). Soweit sich die Maßnahmen nicht unmittelbar gegen die Beschwerdeführer richteten und S.

von ihnen nur mittelbar betroffen war (Beschlüsse vom 19.
April 2011 -
2
BGs 158/11 und vom 23. April 2011 -
2
BGs 179/11), lagen die Voraussetzungen des §
100a Abs.
3 StPO ebenfalls vor. Die ermittlungsrichterlichen Anordnungen bezogen sich insoweit auf die Überwachung der Telefonanschlüsse der in den Entschei-dungen genannten Internetcafes. Aus den bereits zur Überwachung der Inter-netcafes "Cy.

Cafe" und "C.

Center A.

" dargelegten Grün-den war damit zu rechnen, dass zumindest

K.

die Internetcafes weiterhin aufsuchen würde, um seine Anschlagspläne zu verwirklichen. Soweit die An-ordnung des Ermittlungsrichters des Bundesgerichtshofs vom 20.
April 2011 -
2
BGs 169/11 auf den Anschluss der Mutter des Beschwerdeführers C.

gerichtet war, lagen aus den in der Entscheidung dargelegten Gründen eben-falls zureichende Anhaltspunkte dafür vor, dass

K.

diesen Anschluss nutzte (§
100a Abs.
3 StPO).

c) Die Art und Weise des Vollzugs der auf Grundlage von §
100a StPO ergangenen Anordnungen zur Überwachung der Telekommunikation ist über die bereits von dem Oberlandesgericht festgestellten Mängel im Benachrichti-gungsverfahren hinaus nicht zu beanstanden. Auch die Beschwerdeführer ha-ben insoweit keine
Tatsachen vorgebracht.

2. Auch die gegen die Beschwerdeführer gerichteten Anordnungen des Ermittlungsrichters des Bundesgerichtshofs bezüglich der längerfristigen Ob-servation (§
163f StPO, Beschluss vom 19.
April 2011 -
2
BGs 149/11), der technischen Ermittlungsmaßnahmen bei Mobilfunkendgeräten (§
100i Abs.
1 81
82
83
-
47
-
Nr.
1 StPO, Beschluss vom 19.
April 2011 -
2
BGs 152/11), der akustischen Überwachung außerhalb von Wohnraum (§
100f Abs.
1 StPO, Beschluss vom 20.
April 2011 -
2
BGs 160/11) und der Erhebung von Verkehrsdaten (§
100g Abs.
1 Satz 1 Nr.
1 StPO aF, Beschluss vom 6.
Mai 2011 -
2
BGs 223/11) so-wie der Anordnung des Generalbundesanwalts vom 21.
April 2011 hinsichtlich des Herstellens von Bildaufnahmen und des Verwendens technischer Mittel für Observationszwecke (§
100h Abs.
1 StPO) waren rechtmäßig.

a) Bei dem gegen die Beschwerdeführer bestehenden Verdacht der Un-terstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung (§
129a Abs.
5 Satz
1, §
129b Abs.
1 Satz
2 StGB) handelte es sich im Sinne sämtlicher Er-mächtigungsgrundlagen um eine Katalogtat nach §
100a Abs.
2 Nr.

1 Buchst.
d StPO oder um eine erhebliche Straftat, die auch im Einzelfall schwer wog. Sämtliche Maßnahmen waren verhältnismäßig und erfüllten die Anforde-rungen an die jeweils bestehenden Subsidiaritätsklauseln. Wegen der Einzel-heiten zum Tatverdacht, zur Schwere der Taten und zur Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen gelten die Erwägungen zu den Maßnahmen der Telekommu-nikationsüberwachung entsprechend; ergänzend nimmt der Senat Bezug auf
die Ausführungen in den angegriffenen Beschlüssen. Die vorstehend aufge-führten Anordnungen waren zudem -
soweit erforderlich -
entsprechend den gesetzlichen Voraussetzungen befristet.

b) Die gegen den Beschwerdeführer C.

nach §
100g Abs. 1 Satz
1 Nr. 1
StPO aF angeordnete Verkehrsdatenerhebung erweist sich auch im Hin-blick auf die verfassungsrechtlichen Bedenken gegen die sogenannte Vorrats-datenspeicherung (vgl. BVerfG, Urteil vom 2.
März 2010 -
1 BvR 256/08 u.a., BVerfGE 125, 260) als rechtmäßig. Die richterliche Anordnung beschränkte sich auf die bei dem Telefonanbieter gemäß §§
96 ff. TKG gespeicherten Da-84
85
-
48
-
ten und bezog sich nicht auf die verfassungsrechtlich bedenkliche Vorhaltung von Verkehrsdaten gemäß §
113a TKG aF. Einer Befristung der richterlichen Anordnung bedurfte es entgegen §
100g Abs.
2 Satz
1 aF, §
100b Abs.
1 Satz
4 StPO nicht, weil sich diese lediglich auf die Mitteilung von in der Vergan-genheit erhobenen Daten richtete (vgl. KK-Bruns, StPO, 7.
Aufl., §
100g Rn.
11).

c) Auch die Art und Weise des Vollzugs der vorstehend genannten Er-mittlungsmaßnahmen ist über die bereits vom Oberlandesgericht festgestellten Mängel im Benachrichtigungsverfahren hinaus nicht zu beanstanden.

III. Die Kostenentscheidung folgt aus § 473 Abs.
1 Satz
1 StPO.

Becker Berg Hoch
86
87

Meta

StB 28/14

26.01.2017

Bundesgerichtshof 3. Strafsenat

Sachgebiet: False

Zitier­vorschlag: Bundesgerichtshof, Entscheidung vom 25.01.2017, Az. StB 28/14 (REWIS RS 2017, 16625)

Papier­fundstellen: REWIS RS 2017, 16625

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1 BvR 256/08

6 B 1/11

3 StR 162/15

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