Bundesgerichtshof, Entscheidung vom 11.12.2014, Az. V ZR 36/14

V. Zivilsenat | REWIS RS 2014, 389

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BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES

Urteil

V ZR 36/14
Verkündet am:
12. Dezember 2014
Langendörfer-Kunz
Justizangestellte
als Urkundsbeamtin
der Geschäftsstelle
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk:
ja
BGHZ:
nein
BGHR:
ja
BGB § 1023 Abs. 1
Eine entsprechende Anwendung von §
1023 BGB auf den Dienstbarkeitsberechtig-ten scheidet aus, wenn die Ausübungsstelle rechtsgeschäftlich zum Inhalt der Dienstbarkeit gemacht worden ist.

BGH, Urteil vom 12. Dezember 2014 -
V ZR 36/14 -
LG Schweinfurt

AG Bad Kissingen

-
2
-

Der V. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 12. Dezember 2014 durch die Vorsitzende Richterin Dr.
Stresemann, die Richterin Prof.
Dr.
Schmidt-Räntsch, den Richter Dr.
Roth,
die Richterin Dr.
Brückner
und den Richter
Dr. Göbel

für Recht erkannt:
Die Revision gegen das Urteil des Landgerichts Schweinfurt

2.
Zivilkammer -
vom 4. Februar 2014 wird auf Kosten der Kläger zurückgewiesen.

Von Rechts wegen

Tatbestand:
Der Beklagte ist Eigentümer des Grundstücks Flurstück 55 (nachfolgend:
Grundstück), auf dem sich eine Werkstatthalle befindet. Mit notarieller Urkunde vom 29.
Juni 1988 hatte eine Rechtsvorgängerin des Beklagten zu Gunsten der Kläger eine beschränkte persönliche Dienstbarkeit
bestellt, nach der diese be-rechtigt sein sollten, die Halle als Abstellfläche und Werkstatt für private Zwecke zu nutzen. In derselben Urkunde hatte sie eine weitere beschränkte persönliche Dienstbarkeit
bewilligtvier Meter breiten Streifen entlang der Grundstücksgrenze zum Grundstück Flst. 54 zu gehen und zu fahren, um von der K. Straße zur o.g. Halle zu .
Wegen des Verlaufs des Geh-
und Fahrtrechts nimmt die Bewilligungsurkunde zudem auf einen Lageplan
Bezug, der den Weg in ro-ter Markierung unmittelbar an der Grundstücksgrenze verlaufend zeigt. Die 1
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Dienstbarkeiten
sind
im Grundbuch unter Bezugnahme
auf diese
Bewilligungen
eingetragen.
Von der genannten Straße führt über das Grundstück ein vier Meter brei-ter befestigter Weg zur Halle, der überwiegend in einer Entfernung von mehr als vier Metern zur Grenze zum Flurstück 54 (nachfolgend: Nachbargrundstück)
verläuft. Dieser Weg wurde von den Klägern seit jeher im Einvernehmen mit dem jeweiligen Eigentümer
des Grundstücks genutzt, um zur Halle zu gelan-gen. Ein Zugang von der Straße zur Halle auf einem vier Meter breiten Streifen unmittelbar entlang der Grundstücksgrenze wäre nur nach Entfernung einer Mauer, von Bäumen und Rabatten sowie unter Versetzung des
Hallentors mög-lich.

Die Kläger
haben mit ihrer Klage sinngemäß die Feststellung begehrt, dass sie eine dem tatsächlich vorhandenen Weg entsprechende Fläche als Zu-weg und Zufahrt zur Halle zu nutzen berechtigt sind. Der Beklagte hat die Klä-ger widerklagend
auf Unterlassung dieser Nutzung in Anspruch genommen.
Das Amtsgericht hat der Klage stattgegeben und die Widerklage abgewiesen. Das Landgericht hat umgekehrt entschieden und die Revision
zugelassen, so-weit der Widerklage stattgegeben worden ist. Mit der Revision verfolgen die Kläger ihren Antrag auf Abweisung der Widerklage weiter; der Beklagte bean-tragt die Zurückweisung der Revision.

Entscheidungsgründe:
I.
Das Berufungsgericht meint, dem Beklagten stehe ein Unterlassungsan-spruch aus § 1004 Abs. 1
Satz
2 BGB zu. Die Kläger seien Störer im Sinne des 2
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4
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§ 1004 Abs. 1 Satz 1 BGB, da sie kein Recht hätten, die Zuwegung wie in der Vergangenheit geschehen zu nutzen. Da sie dies in Abrede stellten, seien wei-tere Beeinträchtigungen zu besorgen. Der Unterlassungsanspruch sei nicht verwirkt. Denn der Beklagte habe gegenüber den Klägern zu keinem Zeitpunkt einen Vertrauenstatbestand gesetzt. Entsprechendes Verhalten seiner Rechts-vorgänger
müsse er sich nicht zurechnen lassen.
Entgegen einer weit verbreite-ten Ansicht könne die Verwirkung einem Sonderrechtsnachfolger
nicht entge-gengehalten werden.
Der Anspruch des Beklagten ergebe sich zudem aus §
862 Abs. 1 Satz 2 BGB.
II.
Diese Beurteilung hält revisionsrechtlicher Prüfung im Ergebnis stand.
1. Das Berufungsgericht geht
zutreffend davon aus,
dass dem Beklagten ein Unterlassungsanspruch nach §
1004 Abs. 1 Satz 2 BGB
gegen die Kläger zusteht, da die Benutzung des auf seinem Grundstück gelegenen Weges sein Eigentumsrecht beeinträchtigt und weitere Beeinträchtigungen zu besorgen sind.
Ein eigenes Recht der Kläger zur Nutzung des Weges, das den Beklagten zur Duldung der Eigentumsbeeinträchtigung gemäß
§
1004 Abs.
2 BGB ver-pflichtet, besteht nicht.
Dies folgt im Revisionsverfahren bereits aus der rechtskräftigen Abwei-sung der Klage, mit der die Kläger im Wesentlichen die Feststellung begehrt haben, dass sie berechtigt sind, das Grundstück des Beklagten
auf einem 4,0
Meter breiten Streifen entlang der Grenze zum Nachbargrundstück
mit ei-nem Seitenabstand zur Grundstücksgrenze von 3,10 Meter unten und 4,0 Meter oben zu begehen und zu befahren. Aufgrund der Klageabweisung ist die Frage, ob den Klägern ein Recht zur Nutzung des Grundstücks in dem genannten
Be-reich gegen den Beklagten zusteht, einer erneuten rechtlichen Würdigung grundsätzlich nicht zugänglich. Aus der -
vom Revisionsgericht von Amts wegen 5
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zu beachtenden
(BGH, Urteil vom 16. Januar 2008 -
XII ZR 216/05, NJW 2008, 1227
Rn. 9) -
Rechtskraftwirkung folgt nämlich nicht nur, dass eine erneute Kla-ge mit identischem Streitgegenstand unzulässig
wäre. Es besteht vielmehr auch eine Bindungswirkung insoweit, als die in einem Vorprozess entschiedene Rechtsfolge Vorfrage für die Entscheidung des nachfolgenden Rechtsstreits ist (vgl. Senat, Urteil vom 14. Juli 1995 -
V ZR
171/94, NJW 1995, 2993). Nichts anderes gilt, wenn bei einer Teilanfechtung der nicht angegriffene Teil in Rechtskraft erwächst (BGH, Urteil vom 12. Dezember 2006 -
VI ZR 4/06, NJW 2007, 1466 Rn.
7 -
insoweit in BGHZ 170, 180 nicht abgedruckt). So liegt der Fall hier.
Der Unterlassungsanspruch des Beklagten wäre gemäß § 1004 Abs. 2 BGB ausgeschlossen, wenn die Kläger das Grundstück in dem Bereich des tatsächlich vorhandenen Weges benutzen dürften. Diese Vorfrage ist durch die rechtskräftige Abweisung der Klage zu Lasten der Kläger abschließend ent-schieden worden.
2. Jedenfalls im Ergebnis richtig
ist auch die weitere Feststellung des Be-rufungsgerichts, dass der Unterlassungsanspruch des Beklagten gegen die Kläger nicht verwirkt ist.

a) Der Prüfung dieses Einwands
steht die rechtskräftige Abweisung der Klage nicht entgegen. Durch die Abweisung der Klage ist nur festgestellt, dass die Kläger kein eigenes Recht zur Nutzung des vorhandenen Weges haben, nicht dagegen auch eine Entscheidung darüber getroffen worden, ob sich die Geltendmachung des Unterlassungsanspruchs durch den Beklagten als treu-widrig erweist.
b) Auf den Gesichtspunkt der Verwirkung können sich die Kläger nicht mit Erfolg berufen,
weil es bereits an deren Voraussetzungen fehlt. Auf die vom Berufungsgericht erörterte Frage, ob die Verwirkung einem Sonderrechtsnach-folger entgegengehalten werden kann, kommt es deshalb nicht an.
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aa) Ein Recht ist verwirkt, wenn sich der Schuldner wegen der Untätig-keit seines Gläubigers über einen gewissen Zeitraum hin bei objektiver Beurtei-lung darauf einrichten darf und eingerichtet hat, dieser werde sein Recht nicht mehr geltend machen, und deswegen die verspätete Geltendmachung gegen Treu und Glauben verstößt (st. Rspr.;
vgl. Senat, Urteil vom 30. April 1993

V
ZR 234/91, BGHZ 122, 308, 315 mwN; Senat, Urteil vom 21. Oktober 2005

V
ZR 169/04, NJW-RR 2006, 235
Rn. 10). Die Verwirkung ist somit ein Son-derfall der unzulässigen Rechtsausübung (§
242 BGB); sie kann im gesamten Privatrecht eingewendet werden
(Senat, Urteil vom 30. April 1993

V ZR 234/91, BGHZ 122, 308, 314). Auch die aus Besitz bzw. Eigentum abge-leiteten Beseitigungs-
und Unterlassungsansprüche nach § 862 Abs.
1 BGB, §
1004 Abs.
1 BGB unterliegen der Verwirkung (Senat, Urteil vom 21.
Oktober
2005 -
V ZR 169/04, NJW-RR 2006, 235
Rn. 10).

bb) Bezogen auf den Unterlassungsanspruch des Beklagten fehlt es be-reits an dem für die Verwirkung erforderlichen Zeitmoment. Sollen mit einem Unterlassungsanspruch
wiederholte gleichartige Störungen abgewehrt werden, die zeitlich unterbrochen auftreten, löst jede Einwirkung einen neuen Anspruch aus (Senat, Urteil vom
22. Juni 1990 -
V ZR 3/89, NJW 1990, 2555, 2556; Urteil vom
21. Oktober 2005 -
V ZR 169/04, NJW-RR 2006, 235
Rn. 11).
Die für die Beurteilung des Zeitmoments maßgebliche Frist beginnt jeweils neu zu laufen, so dass es in der Regel -
mit Ausnahme besonders langer Unterbrechungen -
an dem Zeitmoment fehlt (Senat, Urteil vom 21. Oktober 2005 -
V ZR 169/04, NJW-RR 2006, 235
Rn. 11).
Das Befahren und das Begehen des sich auf dem Grundstück des Beklagten befindlichen Weges durch die Kläger stellen solche gleichartigen Störungen dar.
3. Entgegen der Auffassung der Revision haben die Kläger gegen den Beklagten auch keinen Anspruch auf Verlegung der Ausübung der zu ihren Gunsten im Grundbuch eingetragenen beschränkten
persönlichen Dienstbarkeit 11
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7
-

auf den Teil des Grundstücks, auf dem sich derzeit der Zuweg für die Halle be-findet. Wäre dies der Fall, stellte sich die Geltendmachung des Unterlassungs-anspruchs durch den Beklagten allerdings als rechtsmissbräuchlich im Sinne des §
242 BGB dar.
Die Forderung einer Leistung ist unzulässig, wenn sie aus einem anderen Rechtsgrund an den Schuldner zurückerstattet werden muss (BGH, Urteil vom 21. Dezember 1989 -
X
ZR 30/89, BGHZ 110, 30, 33). Ent-sprechendes gilt, wenn jemand einen Unterlassungs-
oder einen Beseitigungs-anspruch geltend macht, obwohl die Gegenseite
einen Anspruch auf Einräu-mung einer Rechtsposition hat, die den Unterlassungs-
oder Beseitigungsan-spruch ausschließt
(vgl. Senat, Urteil vom 5. Dezember 2003 -
V
ZR 447/01,
NJW 2004, 1798, 1802).
Ein solcher Anspruch steht den Klägern jedoch nicht zu.
a) Die rechtskräftige Abweisung der Klage hinderte die
Annahme eines Anspruchs auf Verlegung der Ausübung der Dienstbarkeit allerdings nicht. Fest steht hiernach nur, dass die Kläger an der Stelle des tatsächlich vorhandenen Weges derzeit kein Nutzungsrecht haben und sie deshalb auch nicht mehr
gel-tend machen können, die zu ihren Gunsten im Grundbuch eingetragene
Dienstbarkeit erstrecke sich auf diesen Weg. Hiervon zu unterscheiden ist die Frage, ob die Kläger einen Anspruch auf Verlegung der Ausübungsstelle
der Dienstbarkeit auf
eine andere, von der im Grundbuch eingetragenen abwei-chenden
Stelle haben.
b) Das Gesetz sieht in §
1023 Abs. 1 BGB nur einen Anspruch des Ei-gentümers auf Verlegung der Ausübung einer Grunddienstbarkeit auf eine an-dere, für den Berechtigten ebenso geeignete Stelle vor, wenn die Ausübung an der bisherigen Stelle für ihn
besonders beschwerlich ist. Diese Regelung gilt gemäß § 1090 Abs. 2 BGB auch für den Eigentümer eines Grundstücks, das
-
wie hier -
mit einer beschränkten
persönlichen Dienstbarkeit belastet ist. Ob auch dem Dienstbarkeitsberechtigten in entsprechender Anwendung von
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§
1023 Abs. 1, §
1090 Abs. 2 BGB
oder aus § 242 BGB in Verbindung mit die-sen Vorschriften
ein Anspruch auf Verlegung der Ausübung der Dienstbarkeit auf eine andere Stelle des belasteten Grundstücks zustehen kann, ist umstrit-ten.
aa)
Nach einer vor allem im älteren Schrifttum vertretenen Auffassung soll nur der Eigentümer die Verlegung der Ausübung beanspruchen können (RGRK/Busch,
BGB, 3. Aufl., §
1023 Rn. 2; Loening/Basch/Straßmann, BGB, §
1023 Anm.
1; Wolff/Raiser, Sachenrecht, 10. Bearbeitung, §
107
II, S.
441; Meisner/Stern/Hodes, Nachbarrecht im Bundesgebiet (ohne Bayern), 5.
Aufl., §
31 VI, S. 646; Staudinger/Ring, BGB [1981], §
1023 Rn. 14; Soergel/Stürner, BGB, 13. Aufl.,
§
1023 Rn. 1). Die Vertreter dieser Ansicht sehen in §
1023 BGB (ausschließlich) eine besondere Ausprägung des Prinzips der schonenden Rechtsausübung

mithin einen Ausfluss der Rechte des Eigentümers aus §
1020 BGB (RGRK/Busch, BGB, 3. Aufl., §
1023 Rn. 2; Wolff/Raiser, Sachen-recht, 10. Bearbeitung, §
107
II, S.
441; Staudinger/Ring, BGB [1981], §
1023 Rn. 1; Soergel/Stürner, BGB, 13. Aufl.,
§
1023 Rn. 1; so auch Gold-mann/Lilienthal, BGB, Bd. II Sachenrecht, § 56 II 1 c, S.
390; Meis-ner/Stern/Hodes, Nachbarrecht im Bundesgebiet (ohne Bayern), 5.
Aufl., §
31 VI, S. 646).
bb)
Nach der Gegenmeinung kann sich ein Anspruch des Dienstbar-keitsberechtigten auf Verlegung der Ausübung aus einer entsprechenden An-wendung des § 1023 BGB (MünchKomm-BGB/Joost, 6.
Aufl., §
1023 Rn.
7; Bamberger/Roth/Wegmann, BGB, 3.
Aufl., §
1023 Rn.
10 und bereits Weimar, JW
1933, 189) bzw. aus §
242 BGB (Staudinger/Mayer, BGB [2009], §
1023 Rn.
7; Palandt/Bassenge, BGB, 73.
Aufl., §
1023 Rn.
3; RGRK/Rothe, BGB, 12.
Aufl., §
1023 Rn. 3; Erman/Grziwotz, BGB, 13.
Aufl., §
1023 Rn. 2; PWW/Prütting, BGB, 9. Aufl. §
1023 Rn.
4, die Anspruchsgrundlage offen lässt NK-BGB/Otto, 3.
Aufl., §
1023 BGB Rn. 1, 30; vgl. auch BayObLGZ 62, 24, 35 16
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9
-

zu einer Gemeindeservitut alten Rechts) ergeben. §
1023 BGB sei Ausdruck des Gebots der schonenden Rechtsausübung (§ 1020 BGB), wie aber auch des Gebots der gegenseitigen Rücksichtnahme, das auf dem zwischen den Beteilig-ten bestehenden gesetzlichen Schuldverhältnis bei einer Grunddienstbarkeit basiere (MünchKomm-BGB/Joost, 6.
Aufl., §
1023 Rn. 1; Staudinger/Mayer, BGB [2009], §
1023 Rn.
1; NK-BGB/Otto, 3. Aufl., §
1023 Rn. 1, 30; so auch OLG Koblenz, NJW-RR 2014, 401, 402; Westermann/Gursky/Eickmann, Sa-chenrecht, 8. Aufl., § 121 IV
3 Rn. 21; juris-PK/Münch, 7. Aufl., §
1023 Rn. 7).
cc) Richtigerweise scheidet eine entsprechende Anwendung von §
1023 BGB auf den Dienstbarkeitsberechtigten aus, wenn die
Ausübungsstelle

wie hier

rechtsgeschäftlich zum Inhalt der Dienstbarkeit gemacht worden ist.
(1) Die Ausübung einer Dienstbarkeit, die auf dem gesamten dienenden Grundstück lastet, kann auf den realen Teil des Grundstücks beschränkt wer-den. Dabei steht es grundsätzlich im Belieben der Beteiligten, ob sie die Be-stimmung des Ausübungsorts der tatsächlichen Ausübung überlassen oder rechtsgeschäftlich zum Inhalt der Dienstbarkeit machen (Senat, Beschluss vom 16. Februar 1984 -
V ZB 8/83, BGHZ 90, 181, 183). Im zuletzt genannten Fall ist die Vereinbarung als Inhaltsbestimmung in das Grundbuch einzutragen. Eine Verlegung der Ausübungsstelle erfordert dann eine dingliche Einigung (§§ 873,
877 BGB) über die Änderung des Inhalts der Dienstbarkeit und deren Eintra-gung in das Grundbuch (vgl. Senat, Urteil vom 7.
Oktober 2005 -
V ZR 140/04, NJW-RR 2006, 237 Rn. 15; Beschluss vom 16.
Februar 1984 -
V ZB 8/83, BGHZ 90, 181, 183; Urteil vom 21. November 1975 -
V ZR 237/73, WM 1976, 274, 275). Die Vorschrift des §
1023 BGB, bei der es sich um einen
besonderen
Anwendungsfall der Schonpflicht aus §
1020 BGB handelt (vgl. Senat, Urteil vom 25. Februar 1959 -
V ZR 176/57, LM § 242 (D) BGB Nr. 31),
sieht
einen Verlegungsanspruch auch für den Fall vor, dass die Ausübungsstelle rechtsge-schäftlich bestimmt und damit Inhalt der Dienstbarkeit geworden ist (§
1023 18
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10
-

Abs. 1 Satz 2 BGB). Sie legt dem Dienstbarkeitsberechtigten also nicht nur eine Änderung des tatsächlichen Verhaltens auf dem dienenden Grundstück auf, wenn die Ausübung der Dienstbarkeit an der bisherigen Stelle für den Eigentü-mer besonderes beschwerlich ist, sondern kann auch seine Verpflichtung be-gründen, an einer Inhaltsänderung der Dienstbarkeit mitzuwirken (vgl. Senat, Urteil vom 21. November 1975 -
V ZR 237/73, WM 1976, 274, 275; RGRK-BGB/Rothe, 12. Aufl., §
1023 Rn. 4).
(2) Eine Grundlage, auch den Dienstbarkeitsverpflichteten in bestimmten Fällen zu einer Inhaltsänderung des Rechts zu zwingen, bietet §
1023 BGB in-dessen nicht.
(a) Es fehlt bereits
an der für eine entsprechende Anwendung der Vor-schrift notwendigen
planungswidrigen
Regelungslücke (vgl. hierzu allgemein BGH, Urteil vom 14. Dezember 2006 -
IX ZR 92/05, BGHZ 170, 187 Rn.
15).
Der Gesetzgeber ist davon ausgegangen, dass dem Berechtigten, der einem Anspruch
des Verpflichteten auf Verlegung eines vereinbarten Ausübungsorts ausgesetzt ist, eine Dienstbarkeit anderen Inhalts aufgedrängt

wird,
und hat den Vorgang
III, S. 485 = Mugdan, Materialien, Bd. III, S.
270; Protokolle II, S.
314 ff. = Mugdan, Materialien, Bd. III. S. 735 ff.). Dies lässt den Ausnahmecharakter der Vorschrift erkennen und damit den Schluss zu, dass
der Verlegungsanspruch bewusst nur für den Eigentümer geschaffen
worden ist.
(b) Darüber hinaus fehlt es, wenn eine bestimmte Ausübungsstelle Inhalt der Dienstbarkeit geworden ist, an hinreichenden sachlichen Gründen für eine entsprechende Anwendung der Vorschrift. Das Interesse des Berechtigten an einer Ausübung der Dienstbarkeit ohne Beschwernisse rechtfertigt es nicht, de-ren Inhalt zu verändern. Ist ein bestimmter
Ausübungsort Inhalt der
Dienstbar-keit geworden, kann und muss
er sich darauf einrichten, dass ein weitergehen-20
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des Recht zur Nutzung des dienenden Grundstücks als aus dem Grundbuch ersichtlich nicht besteht. Auf der anderen Seite muss sich der Eigentümer, der eine inhaltlich beschränkte Dienstbarkeit bewilligt hat, darauf verlassen können, dass die Beschränkung grundsätzlich Bestand
hat. Deren
Wirkungen (vgl. z.B. §
1026 BGB) dürfen nicht durch einen Verlegungsanspruch des Berechtigten unterlaufen werden.
Entsprechendes gilt für etwaige Rechtsnachfolger; auch ihr Vertrauen darauf, dass das Grundbuch die Ausübungsstelle der Dienstbarkeit verlässlich wiedergibt, ist grundsätzlich schutzwürdig.
(3) Das Gebot gegenseitiger Rücksichtnahme, aus dem ein Verlegungs-anspruch des Dienstbarkeitsberechtigten entsprechend
§
1023 BGB teilweise hergeleitet
wird
(siehe oben zu
II. 3. b bb), vermag eine Inhaltsänderung der Dienstbarkeit gegen den Willen des Dienstbarkeitsverpflichteten nicht zu recht-fertigen. Der Senat hat bereits entschieden, dass das Begleitschuldverhältnis, welches als gesetzliche Folge der Bestellung einer Dienstbarkeit zwischen den Parteien entsteht (Senat, Urteil vom 28. Juni 1985 -
V ZR 111/84, BGHZ 95, 144, 146
f.) und eine Pflicht zu gegenseitiger Rücksichtnahme begründet, schon vom gedanklichen Ansatz her nicht zu einer Änderung des Inhalts der Dienstbarkeit verpflichten kann, da sich die Pflichten nach Inhalt und Zweck der Dienstbarkeit bestimmen (Senat, Urteil vom 19. September 2008 -
V ZR 164/07, NJW 2008, 3703 Rn. 17). Dies muss in gleicher Weise für einen unmittelbar aus dem Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme abgeleiteten Verlegungsan-spruch gelten.
dd) Ob und unter welchen Voraussetzungen der Dienstbarkeitsberechtig-te in besonders gelagerten Ausnahmefällen nach Treu und Glauben (§
242 BGB) doch einmal die Veränderung eines
rechtsgeschäftlich bestimmten Aus-übungsbereichs einer
Dienstbarkeit verlangen kann, bedarf keiner Entschei-dung. In Betracht käme
dies jedenfalls nur unter der Voraussetzung, dass die Ausübung der Dienstbarkeit an der bisher vorgesehenen Stelle aufgrund nach-23
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träglich eingetretener, nicht auf einer willkürlichen Benutzungsänderung (vgl. dazu Senat, Urteil vom 2.
Oktober 1998 -
V ZR 301/97, NJW-RR 1999, 166, 167) beruhender
Umstände für den Dienstbarkeitsberechtigten mit unzumutba-ren
Nachteilen verbunden ist. Bereits hieran fehlt es. Die Revision räumt
ein, dass die Erschwernisse, die eine Ausübung der Dienstbarkeit
an der vereinbar-ten Stelle entlang der Grundstücksgrenze mit sich bringt, von Anfang an be-standen haben. Dann ist es aber nicht unbillig, wenn sich
die Kläger an dem
vereinbarten Inhalt der Dienstbarkeit festhalten lassen müssen.

III.
Die Kostenentscheidung folgt aus
§ 97 Abs. 1 ZPO.

Stresemann

Schmidt-Räntsch

RiBGH Dr. Roth

ist infolge Krankheit an
der Unterschrift gehindert.

Karlsruhe, den 24.2.2015

Die Vorsitzende

Stresemann

Brückner Göbel

Vorinstanzen:
AG Bad Kissingen, Entscheidung vom 13.09.2012 -
21 C 424/11 -

LG Schweinfurt, Entscheidung vom 04.02.2014 -
24 S 72/12 -

25

Meta

V ZR 36/14

12.12.2014

Bundesgerichtshof V. Zivilsenat

Sachgebiet: ZR

Zitier­vorschlag: Bundesgerichtshof, Entscheidung vom 11.12.2014, Az. V ZR 36/14 (REWIS RS 2014, 389)

Papier­fundstellen: REWIS RS 2014, 389

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Die hier dargestellten Entscheidungen sind möglicherweise nicht rechtskräftig oder wurden bereits in höheren Instanzen abgeändert.

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23 O 867/15 (LG Landshut)

Verpflichtung zum Rückbau eines Zufahrtstores


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V ZR 36/14

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